Von Alfred Wolfmann

Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU und der FDP bescheinigten vor einigen Wochen nach Gesprächen mit der griechischen Regierung den führenden Männern der Junta „tiefen Ernst und spürbares Verantwortungsbewußtsein“. Worauf sich dieses allgemein überraschende Urteil stützte, wurde nicht näher erläutert. Zur Klärung kam jedoch ein Vergleich mit dem Interview beitragen, das Innenminister Pattakos kurz zuvor dem Bonner Korrespondenten der israelischen Abendzeitung „Yedioth Achronoth“ und der „Jewish Telegraphic Agency gab.

Mit großer Freundlichkeit empfängt mich der „starke Mann“ der griechischen Offiziersjunta, Innenminister und Vizepremier Stylianos Pattakos, in seinem Athener Amtszimmer. An der Frontwand hängen noch immer die Porträts des geflohenen Königspaares. Selbstsicher und robust gibt sich Pattakos, als er den Besucher bittet, seine Fragen an ihn zu richten.

Aber noch ehe das Interview beginnt, gibt es einen Zwischenfall, der aus einer Filmkomödie von de Sica hätte stammen können. Als ich nämlich den Innenminister frage, ob er es gestatte, das Gespräch mit dem von mir mitgebrachten Tonbandgerät aufnehmen zu lassen, nickt Pattakos zustimmend und sagt: „Selbstverständlich können Sie das. Und außerdem, dann brauche ich ja auch nicht mein eigenes Tonbandgerät zu verbergen.“ Er greift in die linke Rocktasche, aus der er ein Minitonbandgerät hervorholt und es neben mein Tonbandgerät legt.

Der schlaue, aber sehr redselige griechische Haudegen weiß nun genau, daß er das, was er sagt, später nicht wird dementieren können. Doch Pattakos scheint nicht der Mann zu sein, den überhaupt irgend etwas bekümmert. Er redet darauf los, mal verhalten und in knappen Sätzen, dann wieder leidenschaftlich oder höhnisch, stellt Gegenfragen. Widerspruch reizt ihn zur Polemik.

Auf die erste Frage, ob er mir zustimmen würde, daß die gesamte westliche Welt das heutige Regime in Griechenland als faschistische Diktatur ansehe, entgegnet der Innenminister ohne diplomatische Floskeln: „Leider geht die westliche Welt nach dem Kommunismus. Und sie folgt dem roten Faschismus auf sehr dumme Weise.“ Ich frage mein Gegenüber, was er denn dazu sage, daß ein Mann wie der britische Premierminister Wilson, der doch gewiß kein Kommunist sei, kürzlich das griechische Militärregime als „barbarisch“ bezeichnet habe. Pattakos schaut mich betroffen an. Dann sagt er zunächst zurückhaltend, der Herr Wilson habe die Schranken der Höflichkeit überschritten. Doch einen Augenblick später meint er rundheraus: „Wenn Herr Wilson das wirklich gesagt hat, dann ist er wahrscheinlich nicht ganz gesund.“ Im übrigen, so fügt er hinzu, mischten sich die Griechen nicht in die inneren Angelegenheiten Englands ein, und deshalb sollten sich auch „die Fremden nicht in die inneren. Angelegenheiten Griechenlands einmischen“.

Immerhin – entgegne ich – sei die westliche Welt doch recht besorgt, daß seit April 1967 freie Wahlen versprochen wurden, sie bisher aber nicht stattgefunden haben. Wenn das Volk tatsächlich für die neue Regierungsform sei, warum schiebe man denn freie Wahlen immer wieder auf? Der Vizeregierungschef erwidert unbeirrt: „Unsere revolutionäre Regierung hat keine Frist für die Wahlen festgelegt. Wir werden nur 45 Tage vor den Wahlen über die Wahlen sprechen.“