Jährlich 120 000 Wochenendausflügler / Von Horst Hachmann

Es ist noch nicht lange her, da war der Odenwaldflecken Erlenbach mit seinen 380 Einwohnern das, was man in Hessen schlicht als Kuhdorf bezeichnet. Keine Hauptstraße, kein Eisenbahnanschluß, keine Industrie, keine Unterhaltung. Ein vergessenes Dörfchen, in dem sich, wie man im Volksmund sagt, die Füchse gute Nacht sagen. Der Jahresetat von 35 000 Mark reichte nicht einmal aus, um einen Kilometer Straße zu bauen.

Dann wählten die Erlenbacher vor elf Jahren den gelernten Werbefachmann Rudolf Kohlmeier zum Bürgermeister. An diesem Tag begann die erstaunliche Karriere des Dorfes. Tagsüber wirkte Kohlmeier im 70 Kilometer entfernten Frankfurt. Abends krempelte er die Ärmel hoch und machte in Erlenbach Kommunalpolitik. Das ist leichter gesagt als getan. Denn die Odenwälder sind wegen ihrer Beharrlichkeit bekannt. Was Vater recht war, ist für die Söhne lange gut. Und neumodischer Kram bringt nur Unruhe. So dachte man. Doch der neue Bürgermeister konnte überzeugen. Und er hatte Ideen.

Beispielloses Unternehmen

Zunächst plante er mit seinen Dörflern ein Aufbauprogramm, das die Sozialstruktur der Gemeinde von Grund auf ändern sollte. „Als Sozi muß man was vom Sozialismus verstehen“, meditierte Kohlmeier und spannte nach und nach die gesamte Bevölkerung in sein dörfliches Aufrüstungsprogramm ein. Seiner Initiative klatschte sogar der „Spiegel“ vor einem Jahr enthusiastisch Beifall und nannte das Unternehmen Erlenbach „beispiellos unter den 24 415 westdeutschen Kommunen“.

Begriffe wie Infrastruktur, Sozialprestige und Bruttosozialprodukt sind für die Erlenbacher zwar auch heute noch unbekannte Größen, daß aber der Gemeinde-Etat von 35 000 auf 240 000 Mark innerhalb von zehn Jahren kletterte, imponierte ihnen. Deshalb haben sie ihren Bürgermeister auch bereits zweimal wiedergewählt. Um Geld in die Gemeindekasse zu bekommen, holte er erst einmal Industrie ins Dorf. Mit einem Grundstückspreis von 70 Pfennig für den Quadratmeter lockte er unter anderen eine Automatenfabrik und ein Betonwerk. Andere Unternehmen schlugen die günstige Offerte ebenfalls nicht aus.

Das gewonnene Geld wurde zunächst angelegt wie in jeder modern denkenden Gemeinde: Die Straßen bekamen Asphalt, Kanalisation, eine neue Schule und Ortsbeleuchtung machter. das Kuhdorf gesellschaftsfähig. Die Leute von Erlenbach trugen den Sonntagsanzug mit doppeltem Stolz. Schließlich galt ihre Schule als eine der modernsten Kleinschulen in Hessen, mit Photolabor, Physiksaal und Englisch als Pflichtfach. Der erwachte Stolz entfachte ihren Ehrgeiz Das Wohl des Dorfes war plötzlich zur ureigenen Angelegenheit jedes einzelnen Einwohners geworden. Kein Wunder, daß in den Wettbewerben um das „schönste Dorf“ Erlenbach höchste Preise erwarb.