Der Journalismus des bedingten Reflexes durfte sich wieder überschlagen. Lesern des Hamburger Abendblattes beispielsweise wetterte er so entgegen: „Die haßerfüllte Besessenheit Ulbrichts, möglichst alle Gemeinsamkeiten im geteilten Deutschland zu beseitigen, hat eine neue Blüte getrieben...“

Was hat „Ulbricht“ angestellt? In der DDR wird mit dem beginnenden Schuljahr im September eine vereinfachte „Schulausgangsschrift“ eingeführt. Von der Leipziger Graphikerin Renate Tost entwickelt, wurde sie sieben Jahre lang an einer Reihe von Schulen erprobt; sie sehe ordentlicher aus, heißt es, sei leichter lesbar und rege die Schüler, anders als die bisherige Kurrentschrift, weniger zum Abmalen als zum selbständigen Schreiben an.

Ein Fachmann, der Hamburger Pädagoge Hans Ricklefs, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schrift und Schreiben im Hamburger Landesverband der Lehrergewerkschaft, als er die neue DDR-Schrift sah: „Sie ist wirklich schön, sie ist zügig, sie ist vernünftig...“

Wer sehen kann, kann sich davon überzeugen: Es ist eine klare, eine nüchterne, eine flüssige, eine wohlproportionierte Schrift. Die kleinen Buchstaben sind wenig verändert; die Majuskeln sind stark der lateinischen Druckschrift angepaßt – sie wurden aller überflüssigen Ondulationen beraubt, die, ohne funktionalen Sinn, eine Erinnerung an jene endgültig vergangenen Zeiten darstellten, als Kaufherren ihre Kontobücher mit kratzenden Federn in Schönschrift erstellen ließen.

Denn machen wir uns doch nichts vor: So angesehen, daß eine Veränderung einem Sakrileg gleichkommt, ist unsere alte Schreibschrift nicht. Im Gegenteil, wer all die Kringel ihrer Ks und Hs und Bs säuberlich nachmalt, handelt sich leicht den Ruf der Infantilität ein. Sie scheinen der Allgemeinheit heute, da das kalligraphische Ideal verblaßt ist, wie dazu geschaffen, fortgelassen zu werden.

Das Lamento aber über den Keil, den der haßerfüllte Ulbricht mit der Neuerung zwischen die Deutschen getrieben haben soll, ist schon darum lächerlich, weil die Annahme, nun würden kommende Generationen von Bundesdeutschen irgendeine zusätzliche Mühe haben, die Briefe aus der DDR zu entziffern, barer Unfug ist.

Es ist lächerlich noch aus anderem Grund: Auch bisher galt in der Bundesrepublik und der DDR nicht etwa die gleiche Schulausgangsschrift, jene Normalschrift, die 1941 Hals über Kopf eingeführt wurde, als Martin Bormann vom Obersalzberg aus dekretierte, die bis dahin als erste Schulschrift übliche „deutsche“ Schreibschrift sei gar nicht deutsch, sondern bestehe aus „Schwabacher-Judenlettern“. Diese NS-Schrift blieb in der DDR länger, unverändert als in der Bundesrepublik, wo sie, auf Empfehlung des „Iserlohner Schreibkreises“, 1953 revidiert wurde (vor allem verschwanden ihre steifen Rundungen, und die Kleinbuchstaben erhielten Anstriche – Merkmale, die die neue DDR-Schrift nun ebenfalls konsequent übernimmt). Wenn man will, wären also wir die Spalter gewesen. Die beiden „Sütterlin-Anleihen“ bei den Kleinbuchstaben der neuen Leipziger Schrift, das t und das ß (immer ein Verlegenheitsbuchstabe), sind übrigens nicht neu: Sie sahen auch im bisherigen DDR-Abc so aus, nur hat es niemand bei uns gemerkt.