Am Morgen des vergangenen Mittwoch ließ Walter Ulbricht die Mauerlöcher in Berlin sperren, die S-Bahn stillegen. Gewiß trieb ihn Unsicherheit zu dieser Maßnahme. Aber es war auch ein symbolischer Akt.

Seit dem 21. August braucht Ulbricht kein Entspannungs-Alibi mehr. Er muß sich weder vor Isolierung im Sowjetblock noch vor Unruhe in der eigenen Partei mehr fürchten. Es kann und wird. kein Gespräch zwischen den Ministern Schiller und Sölle stattfinden. Nicht nur in Deutschland, aber gerade in Deutschland, ist jede Politik, die auf Normalisierung zielte, auf Jahre blockiert. Die politische und ideologische Auseinandersetzung zwischen den beiden deutschen Staaten wird wieder im Stil der fünfziger Jahre ausgetragen werden.

Im Westen werden jene auftrumpfen, die sich diesen Konflikt schon immer nur als totalen kalten Krieg nach innen und außen vorstellen konnten. Im Osten wurde jeder Ansatz zur Demokratisierung im Keim erstickt.

Ulbrichts Truppen "siegten" bei Pilsen. Die sowjetischen Fallschirmjäger besetzten Prag auch für die Ulbricht-Honegger-Clique. Der Sieg über den Sozialisten Dubček ist der Triumph der Ostberliner Stalinisten – und zugleich die vernichtendste Niederlage des Sozialismus in Deutschland. Kai Hermann