Mexiko: Streifzüge für Anfänger

Von Eka von Merveldt

Läßt man sich treiben in der Hauptstadt, wird man sich zunächst, ohne zu wissen wie, an den Brennpunkten wiederfinden. Man sollte sich nicht sträuben. Denn wer sich zwingt, die „Sehenswürdigkeiten“ zu vermeiden, die alle anziehen, verfällt in einen neuen Snobismus, der ihn um viel Großartiges bringen wird.

Das Herz der Stadt schlägt am Zocalo. Alle Hauptplätze mexikanischer Städte heißen so. Doch ist keiner so groß und so schön wie der Zocalo in der Hauptstadt, darin stimmen Mexikaner und Fremde überein.

Der Zocalo oder der Platz der Verfassung, Mittelpunkt der Hauptstadt wie in den Tagen der Azteken, die sie Tenochtitlan nannten, war einst eine Insel im Texcoco-See. Dieser Zocalo ist ein überdimensionaler Markusplatz von Venedig. Ein großes Viereck, streng und ernst, von den Konquistadoren mit sicherem Gefühl für Form angelegt, Mitte der Macht. Feenhaft wie ein Festsaal, kurz bevor die Gäste kommen, wirkt der leere weite Platz abends in dezenter Illumination. Tatsächlich soll es der zweitgrößte Platz der Metropolen der Welt sein. Nur der Rote Platz in Moskau sei größer, heißt es. Von hier aus wird noch heute das große Land regiert.

Die imponierende Kathedrale an der Nordseite ist nicht eines der schönsten Gotteshäuser Mexikos, aber eines der größten und ältesten des Kontinents, beladen mit Geschichte und verschiedenen Architekturstilen. Ein Feuer hat kürzlich das reich ornamentierte Chorgestühl der Kirche zerstört. Täglich opfern in der Kathedrale Menschen Blumen und Kerzen. Aber das größte Heiligtum des Landes ist die Kathedrale der Guadalupe in einem Außenbezirk der Stadt, ein Wallfahrtsort wie Lourdes für ganz Amerika.

Im Treppenhaus des ersten Innenhofes im Palacio Nacional, dem Sitz der Regierung, defilieren täglich schwatzende Schulklassen, Besucher aus der Provinz, Touristen aus dem Ausland, einzeln und in Gruppen, an den Bildern Diego Riveras vorbei, der auf vielen Quadratmetern die Indios verherrlicht und aus dem Eroberer Cortez einen Kretin gemacht hat. Die Bilder leuchten frisch wie am ersten Tag.