Ein Traktat wider die Enzyklika und ihre Kommentatoren

Von H. Fischer-Barnicol

Hans Fischer-Barnicol ist katholischer Religionswissenschaftler in Heidelberg.

Wer sein Taufversprechen halten und in der Kirche den Glauben suchen will, konnte nur verstört und beschämt die päpstliche Enzyklika „Humanae vitae“ zur Kenntnis nehmen, erschrocken vor der Unaufrichtigkeit dieses Sendschreibens, das vorgibt, an alle Menschen guten Willens gerichtet zu sein. Es ist ein Beispiel liebloser, unachtsamer und unglaublich glaubensschwacher Gesetzestreue, Zeugnis einer servilen Höhlengesinnung, die nichts mehr fürchtet, als ins Freie zu treten.

Also nicht, weil man eine vernünftige Geburtenregelung verboten bekommt, sondern weil so nicht mit sich reden lassen darf, wer das päpstliche Lehramt nicht verleugnen will, ist schmerzlicher Widerspruch geboten. Die Pille ist zu einem Problem zweiten Ranges geworden. Zu fragen ist, wie die Autorität des kirchlichen Lehramts, um die nicht nur der Papst und die Bischöfe besorgt sind, noch zu retten ist. Wie kann vermieden werden, daß vieles, was das 2. Vatikanische Konzil über die Mündigkeit der Laien, über die Welt von heute, über Kollegialität und gemeinsame Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung in der Kirche gesagt hat, Makulatur wird? Wie kann sich unser Vertrauen zur Redlichkeit des Denkens in der Kirche am Leben erhalten?

Die Reaktionen auf die Enzyklika haben das Elend offenbar werden lassen. Es läßt sich nicht so leicht verbergen wie die Verelendeten von Bogotá hinter den Transparenten des Eucharistischen Kongresses.

Ein Teil der Reaktionen stimmt nur traurig: angefangen beim Salzburger Generalvikar, der eine Enzyklika für unfehlbar hält, über den Bischof Adam von Sitten (Wallis), der denen, die sich nicht unterwerfen, die Kirchenzugehörigkeit abspricht, bis zur Zustimmung der französischen Bischöfe, die ihre großen Theologen nun ebenso fallenlassen wie einst ihre Arbeiterpriester, bis zum Frohlocken des Osservatore Romano, der behauptet, 70 Prozent aller Zuschriften aus dem deutschsprachigen Raum würden Dank und Lob bekunden, als seien es SED-Resolutionen an die „Prawda“. Diese Stimmen haben darauf aufmerksam gemacht, daß nicht nur die moderne Theologie, sondern auch das 2. Vaticanum an Oberhirten und Laien spurlos vorübergehen konnte; Wandlung aus dem Ursprung und durch ein neues Denken war, wenn nicht eine heuchlerische, so eine vergebliche Devise; Probleme sollen nicht geklärt, sondern autoritär entschieden werden. Sie alle befreien uns von dem unerträglichen Geschwätz über die mündig gewordenen Christen. Unmündig will man bleiben.