Es ist ein altes Gesetz, der Psychologie, daß Menschen so werden, wie sie beurteilt werden. In seinem Drama „Andorra“ hat Max Frisch dieses Gesetz am Schicksal eines angeblichen Juden demonstriert, der in sich selbst alle die schlechten Eigenschaften verspürt, die seine Umwelt von dieser Rasse erwartet – obwohl er gar kein Jude ist. Daß besonders Kinder im Verhalten und in der Selbsteinschätzung vom Urteil ihrer Umgebung abhängig sind, lehrt eine Studie der amerikanischen Psychologen Kenneth B. und Mamie P. Clark. Sie zeigten Negerkindern weiße, blonde Puppen und schwarze, dunkelhäutige Puppen. Fast alle farbigen Kinder waren sich einig, daß die schwarze Puppe häßlich aussähe.

Die Nutzanwendung dieses Gesetzes für die Pädagogik haben kürzlich Robert Rosenthal, Professor für Psychologie an der Harvard-Universität, und die Erziehungsforscherin Dr. Lenore F. Jacobson gezeigt. Sie gingen von der in Amerika wie auch in Europa immer wieder beklagten Tatsache aus, daß Kinder aus Arbeiterfamilien einen verschwindend geringen Prozentsatz der Akademiker stellen. In den Vereinigten Staaten sind neben den niedrigeren sozialen Schichten der Weißen vor allem Neger, Mexikaner und Puertorikaner besonders benachteiligt.

Lange Zeit haben, in den USA wie bei uns, die Pädagogen die schlechteren Zensuren von Arbeiterkindern mit dem ungünstigen häuslichen Milieu erklärt. Rosenthal und Jacobson aber glauben, daß noch ein anderer Grund von entscheidender Bedeutung ist: Die von Sozialstatus und Familienmilieu her benachteiligten Kinder schneiden auch deshalb in der Schule schlecht ab, weil ihre Lehrer es von ihnen erwarten. Sie werden so, wie man sie beurteilt: milieugeschädigt, primitiv, ungeeignet für eine höhere Schulbildung.

Daß die Erwartungen des Lehrers die Leistung und die Intelligenzentwicklung des Schülers meßbar beeinflussen, haben Rosenthal und Jacobson in mehreren Versuchen nachgewiesen. Sie erklärten etwa zu Beginn eines Schuljahres dem Lehrer, der eine Klasse neu übernahm, verschiedene Kinder hätten sich in einem Intelligenztest so bewährt, daß man sehr gute Erfolge und große Fortschritte von ihnen erwarten dürfe. Tatsächlich aber waren diese angeblich besonders begabten Kinder nicht durch einen Test, sondern durch Zufallsauswahl bestimmt worden. Trotzdem zeigten aber Intelligenztests nach einigen Monaten, daß die angeblich besonders hoffnungsvollen Schüler tatsächlich die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt hatten. Ihre geistige Leistungsfähigkeit hatte rascher zugenommen als die der übrigen Schüler.

Um nachzuweisen, daß die positiven oder negativen Erwartungen des Lehrers die Leistungen des Schülers beeinflussen können (in der Fachsprache nennt man das „sich selbst erfüllende Prophezeiung“), schuf Rosenthal eine völlig künstliche Situation: Er gab Psychologiestudenten jeweils fünf Ratten, die alle aus demselben Laboratoriums-Stamm waren.

Einmal sagte er den Studenten, die Ratten seien auf besondere Intelligenz gezüchtet worden; das andere Mal, sie seien besonders dumm. Da angehende Psychologen wissen, wie erstaunlich man die Leistungsfähigkeit von Labortieren durch Züchtungen beeinflussen kann, glaubten sie diesen Teil ihrer Anleitung ohne weiteres. Sie sollten jetzt den Tieren beibringen, ihren Weg durch ein Labyrinth zu finden.

Es zeigte sich, daß die angeblich klugen Ratten viel schneller lernten als die angeblich dummen, die oft nicht einmal von ihrem Startplatz weglaufen wollten.