Von Adolf Metzner

Der Münchener Sprinter Martin Jellinghaus wurde zum Star der 68. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Berliner Olympiastadion gekürt. Zum ersten Male in der Geschichte dieser Meisterschaften gewann der gleiche Läufer die 200 m und 400 m. Über 200 m stellte er dabei mit 20,6 sec den zehn Jahre alten Rekord von Manfred Germar ein. Selbst der Sportwart des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) verlor seine Ruhe und stimmte in den allgemeinen Jubel ein, als Heinz Maegerlein, dem böse Kollegen andichteten, er plaudere am liebsten über das „lindgrüne Kleidchen der kleinen Eisläuferin“, ihn interviewte.

Ein Blick auf die Weltrangliste hätte Sportwart Fallak vom Himmel der Wunschträume sofort wieder auf den Boden der harten olympischen Realitäten gebracht. Über 200 m steht Jellinghaus dort nämlich erst an vierzehnter und über 400 m gar nur an dreiundzwanzigster Stelle. Die Bestzeiten lauten 20,1 sec : 20,6 sec. und 44,9 sec : 46,0 sec. Nach der Papierform bestehen also für den Münchener noch nicht einmal Endlaufchancen.

Zum Glück dürfen in Mexico City nur drei Amerikaner – auf den kurzen Strecken sind es fast ausnahmslos Neger – starten, sonst würden sie über 400 m eventuell alle ersten sechs Plätze belegen. Aber auch bei nur drei zugelassenen Yankees stände der Münchener Sprinter über 200 m erst an siebenter und über 400 m erst an zehnter Stelle.

Solche Rechenkunststückchen werden aber immer wieder von starken Persönlichkeiten über den Haufen geworfen oder gerannt. Tatsächlich kann Jellinghaus über 400 m viel schneller laufen als die unter ungünstigen äußeren Bedingungen erzielten 46,0 sec, so daß der DLV-Sportwart doch nicht so sehr unrecht hatte, wie es schien. Der Deutsche muß vor allen Dingen die ersten 200 m erheblich rascher „angehen“, in 21,5 bis 21,6 sec etwa, dann könnte er sogar die amerikanischen Neger das Fürchten lehren. Aber solche Spekulationen sind eben auch so lange Theorie, bis die unerbittliche Stoppuhr eine Zeit, die nahe bei 45 Sekunden liegt, gemessen hat.

Aber über 4 X 400 m sind die Medaillenchancen der deutschen Staffel gut, die im Schnitt unter 46 Sekunden laufen kann. Rein rechnerisch ist hier das DDR-Quartett um 7/10 sec schneller, aber die Voraussetzungen in Jena auf der schnellen Bahn waren erheblich besser als jene im zweiten Tag im Berliner Olympiastadion, wo die architektonische Marotte, eine Art Altarlücke für das olympische Feuer im Oberring zu belassen, immer wieder zu störenden Windströmungen führt.

Alles in allem fällt aber auch in der Leichtathletik ein Vergleich Ost/West deutlich zum Nachteil der bundesrepublikanischen Sportler aus. Mit 11:21 Siegen würden sie im Phantomkampf (bei einem Remis im 800-m-Lauf) klar unterliegen.