Washington‚ im August

Im Grant-Park von Chikago soll, wenn der Parteikonvent der Demokraten beginnt, auf einem blaubezogenen Kissen ein neuer Präsidentschaftskandidat Amerikas in diesem Wahljahr präsentiert werden – ein drei Monate altes Ferkelchen, das den Namen „Lyndon Pigasus Pig“ trägt. Sein Wahlprogramm: eine entleerte Mülltonne. Die Gefolgsleute des neuen Kandidaten beabsichtigen, mit einem gigantischen Nude-in oder Massennacktbaden im Michigansee die erogenen Zonen des etablierten amerikanischen Bürgertums zur Knallröte zu treiben. Andere Szenen in diesem Schauspiel des Absurden und Grotesken sind Darbietungen von Revolutionsbühnen, das Entführen demokratischer Parteitagsdelegierter vom Flugplatz in falsche Hotels, die Herausgabe einer Untergrundzeitung, das Verbrennen von Musterungskarten und der im Sprechchor ausgestoßene Schrei: „Wir fordern eine Politik der Ekstase.“

Die Veranstalter dieser Komödie sind die amerikanischen Hippies, die Kinder der Natur, der Freude, des Friedens, der Drogen und der Liebe. Sie haben sich den neuen Namen „Yippies“ zugelegt; das bedeutet Youth International Party oder Jugend-Internationale der vorerst absoluten Negation. Doch sie erschöpfen sich darin schon nicht mehr; die ernsten Meditierer unter den langbärtigen Rebellen verkünden eine neue Heilsbotschaft. Sie erstreben das Gruppenbewußtsein, das an die Stelle eines inhaltslos gewordenen Individualismus treten soll. „Unsere Modelle sind die amerikanischen Indianer und ihr Stammesimage, nicht der einsam reitende amerikanische Cowboy“, erklärt einer ihrer Wortführer.

Für Bürgermeister Daley von Chikago, einen der mächtigsten Parteibosse der Demokraten im Mittelwesten, für den Parteivorsitzenden John Bailey als beamteten Funktionär, für Parteiführer Lyndon Johnson, der die Fäden aus dem Hintergrund zieht, und den Routinier Hubert Humphrey bedeutet dieses Yippie-Festival einen Alpdruck. Entfaltet sich dieser Mummenschanz ungehemmt, wird er gar begleitet von geräuschvollen Demonstrationen der ungezählten pazifistischen Organisationen, die unter der Leitung des Pentagon-Stürmers Dellinger in Chikago bereits ein Hauptquartier aufgeschlagen haben und die Anti-Vietnam-Aktionen zu einem Höhepunkt bringen wollen, gesellen sich dazu womöglich Proteste und Unruhen militanter Verbände der Neger und der Armen, so wird der Parteitag der Demokraten mit einer Kulisse umgeben, in der die Lächerlichkeit lauert. Dann können die amerikanischen Wähler Zeugen eines Parteitages werden, der mit allem umrankt ist, was der gesittete Bürger verabscheut: dem hemmungslosen Protest gegen die Gesellschaft, dem Herabwürdigen nationaler Symbole, dem Antimilitarismus, der nihilistischen Verneinung etablierter Wertvorstellungen, dem Aufruhr gegen Recht und Ordnung. Die Demokraten, die Yippies, die Pazifisten und die Schwarzen Panther auf einer Szene – Nixon und seine Republikaner könnten sich kein wirkungsvolleres Bild ausmalen, das ihnen die Wähler in die Arme treiben muß.

Daley, seine Veteranen von der Cikagoer Polizei und der Funktionärsapparat der Demokraten suchen diesem makabren Geschehen vorzubeugen. Sie haben das Internationale Amphitheater, den Schauplatz des Konvents, mit Stacheldraht umgeben. 25 000 Sicherheitsbeamte in Zivil wurden aufgeboten, die ein Viertel der Parteitaggäste ausmachen werden. Den Yippies wurde bisher keine Genehmigung für Umzüge erteilt, doch das spornt sie nur an, ihre Vorbereitungen zu intensivieren und rechtfertigt geradezu ihre Absichten; sie brauchen ein Verbot als Legitimation für ihr Auftreten.

Ob mit oder ohne Verbot – der demokratische Parteitag wird ein viel bewegteres Ereignis werden als jene Parallelveranstaltung der Republikaner vor drei Wochen in Miami Beach. Der Stolz, mit dem sich die Demokraten als Volkspartei aller Rassen, Bekenntnisse, sozialer Kontraste und intellektueller Strömungen deklarierten, verwandelt sich nun in Furcht vor einem Zusammenprall eben dieser Kräfte in Chikago. Es erscheint das Menetekel von erbitterten Plenumsschlachten um die Zulassung reaktionärer Abordnungen aus den Südstaaten Mississippi, Alabama und Georgia, deden die die Reformdelegationen der Farbigen und der Liberalen antreten werden. Kämpfe um die Formulierungen im Wahlprogramm für die Beendigung des Krieges in Vietnam, Auseinandersetzungen um überzeugende Pläne zur Beseitigung von Armut und Slums und schließlich der Kampf um die Kandidaten selbst. Da ist Hubert Humphrey, der Favorit, der das Erbe Johnson abschütteln und doch mit dem Präsidenten nicht brechen möchte. Eugene McCarthy, der sich von den Routiniers der Parteimaschine in die Ecke gedrängt sieht. Senator McGovern, der mit seiner kleinen Streitmacht wenigstens zu einem völligen Bombenstopp für Nordvietnam durchbrechen will. Und der Erzsegregationist Lester Maddox (Gouverneur von Georgia), der die USA vor dem Treiben jener drei anderen Bewerber retten will, die in seinen Augen nichts als „Kommunisten, Kommunisten, Kommunisten“ sind.

Doch wer den Yippies, den Pazifisten und Sozial- und Rassenprotestlern zürnt, weil sie in Chikago ihre Beschwerden auf den Markt des demokratischen Parteitages ausbreiten wollen, wird ihnen mit Verboten und Verachtung nicht gerecht. Schließlich beanspruchen die Demokraten immer noch, Hort und Zuflucht der Unterdrückten, der Erniedrigten und der Outcasts der großen amerikanischen Nation zu sein. Nur, warum sieht sich ein Teil der amerikanischen Jugend und ein großer Teil der sozial und rassisch deklassierten Amerikaner so an den Rand der Gesellschaft gedrängt? Warum glaubt er, daß er im normalen Prozeß der politischen Willensbildung kein Ventil und kein Forum mehr findet und sich daher außerhalb des Parteitages zu formieren sucht?