FÜR jeden, der nicht nur Romane liest, sondern sich auch Gedanken macht über Zustand und Zukunft des Romans –

Reinhard Baumgart: „Aussichten des Romans oder Hat Literatur Zukunft?“ – Frankfurter Vorlesungen; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 113 S., 7,50 DM.

ES ENTHÄLT die fünf Poetik-Vorlesungen, die Reinhard Baumgart im Winter 1967 an der Universität Frankfurt gehalten hat. Ihr Gegenstand: das realistische Erzählen gestern, heute und vielleicht morgen. Ihre Titel: „Was leisten Fiktionen?“ – „Filmerzählung und Spracherzählung“ – „Theorie einer dokumentarischen Literatur“ – „Lesen heißt kritisieren“ – „Engagement“.

ES GEFÄLLT als einer der selten gewordenen Versuche, von den Einzelwerken einmal Abstand zu gewinnen und zu einer generellen und zusammenhängenden Diagnose der zeitgenössischen Literatur zu kommen; Allgemeines also über einen Gegenstand zu sagen, der selber wenig übrig hat für Allgemeinheiten und entsprechend widerspenstig ist. Daß das Buch mich fast ebensooft zum Widerspruch wie zur Zustimmung provoziert hat, halte ich ihm besonders zugute: Man kann es nicht lesen, ohne am Ende genauere Gedanken zu haben. Baumgart, vorschnelle theoretische Tröstungen ausschlagend, entwirft skeptisch eine Art Sparprogramm für eine „dokumentarische“ Literatur (der Begriff oszilliert bei ihm, und der glücklichste scheint er mir sowieso nicht): Ihm schwebt offenbar der Schriftsteller vor, der sich eifrig dem Studium von primären Sprachmaterialien widmet, von Tonbandprotokollen aus Peking, Boston oder Bottrop, und diese Rohstoffe dann so schneidet und montiert, daß sie eher Fragen aufwerfen als Fragen beantworten, solchermaßen der Wirklichkeit und der Sprache, in der sie sich ausdrückt, keine Gewalt antuend. Ein in der Tat plausibles Programm für den, der von der Literatur in erster Linie zuverlässige Nachrichten aus der Welt des Vorgefallenen erwartet. Wer sich dagegen von der Literatur nach wie vor individuelle Weisen vorschlagen lassen möchte, die Welt zu erfahren, wird sich auch den kommenden Schriftsteller weniger bescheiden wünschen müssen.

Dieter E. Zimmer