Dedestorf, Kreis Gifhorn

Der Test galt den Grenzen der Freiheit. Oder anders ausgedrückt: wie weit kann ein Staatsbürger in Uniform von uralten militärischen Reglements befreit werden. In der Einöde des früheren Fliegerhorstes und jetzigen Standorts des Panzerartillerie-Bataillons 35 wurde Freiheit geübt. Das Ergebnis ist ein Kompromiß, von den meisten als Verbesserung aufgefaßt und begrüßt.

Seit der Mitte der sechziger Jahre probierte die Bundeswehr in etwa 30 Versuchen aus, welche Liberalisierungsmöglichkeiten es im sogenannten Innendienst geben könnte. Im Norden und Süden, in Großstädten und Einödstandorten wie Dedestorf wurde mit der Aufhebung des Zapfenstreichs, neuen Formen für den Nachtausgang und der Abschaffung des morgendlichen Weckens experimentiert.

Die Soldaten von Dedestorf allerdings sind von dem Fazit der Versuche, das zum 1. August als Neufassung der Dienstvorschrift über den Innendienst in Kraft getreten ist, enttäuscht. Sie konnten in der Versuchszeit nach Dienstschluß im allgemeinen tun und lassen, was sie wollten. Hauptsache, sie waren am nächsten Morgen zum Dienstbeginn um 7 Uhr wieder da.

Die Zahl der Frühstücksrationen, die frühmorgens ausgegeben wurden, sank in Dedestorf erheblich. Die Soldaten zogen es vor, ein wenig länger zu schlafen und erst in der viertelstündigen sogenannten „NATO-Pause“ gegen 10 Uhr einen Bissen zu sich zu nehmen. Dabei hatte die vereinfachte Regelung des Nachturlaubs ihren Reiz schon bald nach Beginn des Truppenversuchs im vergangenen Jahr verloren; zum nächsten Wirtshaus sind es von der Kaserne in Dedestorf bald drei Kilometer. Der nächste Ort, Hankensbüttel, etwa doppelt so weit entfernt, konnte auch nur wenig Anreiz zur Freizeitgestaltung bieten. Zudem setzte die Höhe des Soldes der Aushäusigkeit manches Soldaten schnell ein Ende.

Wer zurückgeblieben war in der Kaserne, ärgerte sich, wenn er schlafen wollte, häufig über skatspielende Stubenkameraden, denn auch der Zapfenstreich war abgeschafft. Freude und Leid eines Lebens in Freiheit wurden täglich bewiesen.

Was für manchen Dedestorfer ein Schritt zurück sein mag, ist für die Masse der Bundeswehrsoldaten allerdings zweifellos ein Fortschritt. Nach der neuen Dienstvorschrift bleibt zwar der Zapfenstreich, er wurde jedoch von 22 Uhr auf 23 Uhr verlegt. Nachturlaub braucht nicht mehr beantragt zu werden. Jeder Soldat hat eine Ausgangskarte erhalten, die wie Stempelkarten beim Unteroffizier vom Dienst hängen. Will der Soldat das Kasernengelände nach Dienstschluß verlassen, nimmt er sich seine Ausgangskarte. Einschränkungen gibt es natürlich, zum Beispiel kann der Nachtausgang aus disziplinarischen Gründen gesperrt werden.

Zum Wecken wird ein „akustisches Signal“ gegeben, Kontrollen entfallen weitgehend, zum Frühstück sieht man sich zwanglos wieder. Die „NATO-Pause“ hat seitdem wieder an Bedeutung verloren, die Anzahl der in Anspruch genommenen Frühstücksrationen in den Messen stieg wieder. s. k.