Auf einem Acker, der jahrzehntelang brachlag, werden bald bunte Blumen blühen. Die Saat ist schon im Boden. Vor einiger Zeit wurde in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ (NJW) für den kommenden Herbst das Erscheinen einer „Zeitschrift für Rechtspolitik“ angekündigt. Zur gleichen Zeit verschickte die „Europäische Verlagsanstalt“ einen Rundbrief, Mitte September werde das erste Heft der Vierteljahres-Zeitschrift „Kritische Justiz“ auf den Markt kommen. Prosaisch könnte man sagen: Im Bereich der Fachzeitschriften ist von cleveren Juristen eine Marktlücke entdeckt worden. Doch man kommt der Sache vermutlich näher, wenn man davon ausgeht, daß die zunehmende Bereitschaft der Juristen in der Bundesrepublik, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen, erst ein „Leserklima“ geschaffen hat. „Die Rechtsprechung und ein großer Teil der Rechtslehre so sagen die Initiatoren der „Kritischen Justiz“, „behandeln Recht als ein Gebiet, auf dem allein immanent juristische Vernunft herrscht. Diese Haltung ist unkritisch. Sie nimmt die juristischen Begriffe für gegeben, ohne sich weiter um ihre politisch-sozialen Inhalte und Funktionen zu kümmern.“

Tatsächlich waren denn auch die etwa drei Dutzend Juristen, die sich in der Frankfurter „Akademie der Arbeit“ versammelt hatten, um über das Projekt „Kritische Justiz“ zu beraten, recht optimistisch. Man wollte an die Tradition der Zeitschrift des Republikanischen Richterclubs der Weimarer Zeit, „Die Justiz“, anknüpfen. Doch konnten sich die Reformer zunächst nur schwer entscheiden, dem Kind einen Namen zu geben, der zwar für einen Verkaufserfolg geeignet, das gesamte Gebiet, das behandelt werden soll, jedoch nicht voll abdeckt. „ ,Kritische Justiz‘ – das ist eine Vereinigung“, meinte Olaf Rathke, IG-Metall-Jurist und führender Sozialdemokrat in Südhessen. Damals war auch der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer dabei und schlug „Kampf ums Recht“ vor. Der Marburger Politologe Wolf gang Abendroth: Die Justiz sei doch nicht kritisch; „Justiz und Gesellschaft“ sei vielmehr der treffende Titel. Wenn man sich schließlich doch auf „Kritische Justiz“ einigte, dann deshalb, weil unbestritten blieb: Das verkauft sich gut.

Die Ziele der neuen Zeitschrift: Sie will den „Bezug zwischen Recht und Gesellschaft“ aufdecken. Die Rechtswissenschaft soll aus ihrer Isolierung gelöst werden und dabei die Erkenntnisse anderer Wissenschaften wie Politologie, Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse und Wirtschaftswissenschaft verarbeiten. In welcher Richtung die „Kritische Justiz“ marschieren wird, zeigt das Programm für das Premieren-Heft. Seine Themen: „Die Krise des Staates und das Recht“; „Zur Studienreform der Juristen“; „Die soziale Funktion des Arbeitsrechts“; „Kritik und Selbstkritik der Richter“.

Während die „Kritische Justiz“ (Einzelheft sechs Mark) mit Anfangsauflagen von einigen hundert Exemplaren rechnet, hat die „Zeitschrift der Rechtspolitik“ eine wesentlich bessere Startbasis. Sie wird monatlich als Beilage der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ erscheinen. Und nicht nur das: Die NJW gilt in Kreisen deutscher Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte beinahe als „Stimme Gottes“. Was in ihr erscheint, wirkt bis in das letzte Amtsgericht, bis in die entfernteste Anwaltskanzlei. Auf dieser Plattform wollen der Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Rudolf Gerhardt und der Kölner Professor Martin Kriele aufbauen.

Rechtsanwalt Gerhardt über die neue Zeitschrift: „Der Jurist neigt durch seine Ausbildung oftmals dazu, das Recht als vorgegebene Weltordnung hinzunehmen. Der Blick auf die gesellschaftliche Gebundenheit des Rechts, die Wandelbarkeit der Wertordnungen, wird meist wenig geschärft. Da der Unterbau des Rechts, der tief in die stets im Fluß befindliche Gesellschaft hineinragt, nur wenig bekannt ist, erscheint das Recht vielen als lebensfremde überbaute Ordnungsmacht, Die Zeitschrift für Rechtspolitik‘ soll einen Einblick in das Wechselspiel der gesellschaftlichen Kräfte schaffen, die die Rechtsordnung bestimmen.“ Im Gegensatz zu anderen juristischen Fachzeitschriften werde sich die „Zeitschrift für Rechtspolitik“ nicht mit dogmatischer Rechtsbetrachtung befassen. Sie sehe das Recht nicht als „jeweils gültige Erscheinung und gesicherten Bestand, sondern als dynamischen Prozeß“.

Bei einer gewissen Gemeinsamkeit der Stoßrichtung wird die Blumenpracht, die im Spätsommer zu erwarten ist, nicht eintönig sein. Die „Kritische Justiz“ wird vermutlich auf Fußnoten verzichten und längere Abhandlungen anbieten, während die beiliegende „Zeitschrift für Rechtspolitik“ (monatlich 24 Seiten) besonders die Kurzform pflegen will. Spannt die eine den Bogen über eine Vielzahl von Wissenschaftszweigen, will die andere nicht nur Experten zu Worte kommen lassen, sondern jeden Bürger, der „diskutable Vorschläge“ beizusteuern hat. Für die NJW, mit über 30 000 Auflage „die meistgelesene Fachzeitschrift“, ist der Durchbruch zum Laien-Autor geradezu revolutionär. Die „Kritische Justiz“ dagegen muß versuchen, die Barriere zu überspringen und auch Kreise zu erreichen, die eine Zeitschrift nicht nur deshalb lesen, um sich die eigene Meinung bestätigen zu lassen. Gerhard Ziegler