In der vorangegangenen Ausgabe der ZEIT hat Diether Stolze gute Gründe aufgeführt, warum die Mark entgegen den Wünschen vieler unserer Handelspartner nicht zum zweiten Male aufgewertet werden sollte. Hier ist nicht der Platz die Diskussion über dieses Thema fortzuführen. Zur Sache muß lediglich festgestellt werden, daß es nicht nur im Ausland Befürworter einer neuen Mark-Aufwertung gibt sondern auch im Inland. Allerdings sind sie bislang mit ihrer Meinung nicht hervorgetreten. Mit der öffentlichen Behandlung des Problems ist es aber bereits zum Börsenfaktor geworden und der Anleger hat sich mit ihm nüchtern auseinanderzusetzen, gleichgültig ob er für oder gegen eine Aufwertung ist.

Selbstverständlich würde eine Aufwertung die Aktienkurse in Mitleidenschaft ziehen. Unausgesprochen steckt in den Mahnungen einiger Banken, einen Teil der erzielten Kursgewinne jetzt durch Verkauf von Aktien zu sichern, die Furcht vor währungspolitischen Veränderungen. Nimmt man den Faktor „Aufwertung“ aus, so spricht eigentlich alles für eine weitere Fortsetzung der deutschen Aktien-Hausse. Das legt die Frankfurter Bank in ihrem neuen Wertpapier-Kommentar überzeugend dar:

„Im Jahre 1960 (dem Höhepunkt der ersten Nachkriegs-Hausse) wurden die deutschen Aktien mit dem 20fachen der Jahresgewinne bewertet; mehrere Papiere wiesen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (price-earnings-ratio) von 30 und mehr auf. Die Gewinnrendite (Gewinn pro Aktie: Kurs X 100) betrug 1960 also knapp fünf Prozent jährlich, während die Dividendenrendite (Dividende pro Aktie: Kurs X 100) unter zwei Prozent gefallen war. Die Rendite am Rentenmarkt stellte sich damals auf etwa 6 1/2 Prozent jährlich und lag damit rund 30 Prozent über der Gewinnrendite und mehr als 250 Prozent über der Dividendenrendite.“

Auf der gegenwärtigen Kursbasis sind die deutschen Aktien mit dem 15- bis 16fachen der für 1968 geschätzten Gewinne bewertet. Die Gewinnrendite der Aktien liegt damit im Durchschnitt bei 6,3 bis 6,7 Prozent jährlich. Sie ist damit etwa gleichhoch wie die gegenwärtige Durchschnittsverzinsung am Rentenmarkt. Da zur Zeit nur knapp die Hälfte der tatsächlich erzielten Gewinne ausgeschüttet wird, ist die Dividendenrendite mit rund drei Prozent knapp halb so hoch wie die Rendite für festverzinsliche Wertpapiere. Die angeführten Kennziffern zeigen: 1960 lag die durchschnittliche Bewertung der Aktien mindestens 25 Prozent über dem gegenwärtigen Stand; sowohl das Verhältnis Gewinnrendite zu Rentenrendite als auch die Relation der Dividendenrendite zur Rentenrendite waren damals weit ungünstiger als heute. Aber nicht nur die Bewertung der Aktien mit dem 15- bis 16fachen der Jahresgewinne, sondern auch die Kapitalstruktur, die Ertragskraft und vor allem die Gewinnaussichten der deutschen Aktiengesellschaften sind heute günstiger als 1960.“

Daraus sollten wir entnehmen, meine verehrten Leser, daß uns eine eventuelle Mark-Aufwertung börsenmäßig zu einem günstigeren Zeitpunkt treffen würde, als dies 1961 der Fall war. Damals waren die Kurse (vor allem infolge vorangegangener massiver Auslandskäufe) noch überhöht; die Aufwertung führte seinerzeit zu einer nahezu generellen Herabsetzung der Kurse um fünf Prozent und trug in der Folge zu einer Schmälerung der Unternehmensgewinne bei, die für die Baisse schließlich die Hauptverantwortung trug.

Auch diesmal, so nehme ich an, würde eine Aufwertung für die Börse zunächst schockierend wirken. Aber vermutlich nur für kurze Zeit, weil die konjunkturelle Situation heute anders ist als 1961, dem Jahr der ersten Aufwertung. Vieles spricht dafür, daß die Anlagekäufe potenter Stellen auf der zunächst ermäßigten Basis wieder aufgenommen werden, allerdings kaum auf der ganzen Breite der Börsenpalette.

Niemand, so meine ich, verliert deshalb einen Pfennig, wenn er heute bereits bei seinen Anlageplanungen einige Gedanken darauf verwendet, wie sich die Folgen einer Mark-Aufwertung möglichst weitgehend unterlaufen lassen. Wer die Kursbewegungen am deutschen Aktienmarkt analysiert, wird unschwer finden, daß heute schon bestimmte Aktiengruppen von größeren Anlegern sichtbar bevorzugt werden.