In der letzten Ausgabe der Literární listy, der Zeitschrift des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, wurden Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle der ganzen Welt aufgerufen, die Tschechoslowakei in ihrer Krise nicht allein zu lassen. Die folgende Erklärung beantwortet diesen Aufruf:

Fünf Armeen, darunter abermals eine deutsche, haben, drei Wochen nach der Vereinbarung von Bratislava, die Tschechoslowakei überfallen: Gegen die legale Regierung, gegen den Willen des Volkes, gegen die Beschlüsse der kommunistischen Partei, die in keiner Stunde die Kontrolle über die sozialistische Evolution in ihrem Land verloren hat, wird der Versuch, den bürokratisierten und im Dogmatismus erstarrten Sozialismus zu überwinden, militärisch verhindert. Die sowjetischen, ungarischen, bulgarischen, polnischen und DDR-Armeen, die durch ihren Einmarsch vom 20.8.1968 die staatliche Souveränität ihres Bundesgenossen verletzt haben, verteidigen nicht, wie sie vorgeben, den Sozialismus gegen Konterrevolution, sondern unterbinden die Entwicklung des Sozialismus; sie verteidigen einzig ein Dogma, das diese Entwicklung fürchtet; sie sind reaktionär.

Das Verbrechen der USA in Vietnam, die Besetzung Tibets durch die chinesische Volksrepublik, die Stützung der Militärdiktatur in Griechenland, der von westlichen und östlichen Staaten geförderte Völkermord in Biafra und der völkerrechtswidrige Überfall auf die Tschechoslowakei sind, trotz ideologischer Divergenz, ihrem Wesen nach gleichwertig: Manifestationen imperialistischer Politik. Solange sich Koexistenz lediglich als Übereinkunft atomarer Großmächte versteht, dient der heiße Draht zwischen Washington und Moskau nur dazu, die Interessen der beiden Machtblöcke auf Kosten Dritter auszuhandeln.

Die militärische Intervention in der Tschechoslowakei, geführt von der UdSSR, übt Verrat an der jahrzehntelangen Arbeit der europäischen Linken für Wandel und Fortschritt durch Entspannung. Rückfall in den Kalten Krieg, der die produktiven Kräfte aller Völker paralysiert, ist keine Antwort auf die brutale Machtpolitik der Sowjetunion; der Widerstand des tschechoslowakischen Volkes, der Arbeiter wie der Intellektuellen, verbietet die Resignation. Nicht die Politik der Entspannung hat versagt, der Kalte Krieg war und ist ohne Zukunft. Freiheit und Sozialismus bedingen einander. Die progressive Intelligenz in den sozialistischen Ländern denkt nicht anders, nur kommt sie vorläufig nicht zu Wort. Ihre Entmündigung verzögert den geschichtlichen Prozeß, der unabwendbar ist.

Solidarisch mit den sozialistischen Schriftstellern der Tschechoslowakei, die die Wegbereiter des neuen demokratischen Sozialismus in ihrem Land sind, stellen wir heute fest: Der tschechoslowakische Versuch ist nicht gescheitert; Sozialismus und Freiheit bedingen einander.

Wir rufen auf zur Unterschrift unter diese Erklärung! (Stichwort: „Solidarität ČSSR“, 6 Frankfurt/Main, Postfach 1.)

Theodor W. Adorno – Ilse Aichinger – Jürgen Becker – Thomas Bernhard – Peter Bichsel – Heinrich Böll – Marion Gräfin Dönhoff – Friedrich Dürrenmatt – Günter Eich – Jürg Federspiel – Max Frisch – Günter Grass – Wolfgang Hildesheimer – Walter Höllerer – Rolf Hochhuth – Uwe Johnson – Marie Luise Kaschnitz – Wolfgang Koeppen – Reinhard Lettau – Golo Mann – Kurt Marti – Egon Monk – Alexander Mitscherlich – Hans Erich Nossack – Ruth Rehmann – Eduard Reifferscheid – Hans Werner Richter – Klaus Röhler – Jörg Steiner – Vagelis Tsakiridis – Siegfried Unseld – Martin Walser – Otto F. Walter – Jochen Ziem – Dieter E. Zimmer