Ostberlin, Ende August

Am Kurfürstendamm drängen sich Menschen an den Zeitungsständen. Im Zeitungskiosk des Bahnhofs Friedrichstraße, dem einzigen, der in dieser Gegend Ostberlins geöffnet ist, gähnt eine sonntagsmüde Verkäuferin. Sie hat nichts zu tun. In den Restaurants Westberlins lesen die Leute an diesem Sonntagnachmittag Zeitungen und diskutieren die neuesten Nachrichten aus Prag und Moskau. In den Restaurants der Friedrichstraße liest niemand eine Zeitung, die Leute sprechen über Familienangelegenheiten.

Gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße liegt das „Haus der Tschechoslowakischen Kultur“; in den Schaufenstern sind Bücher, Schallplatten, Volkskunst ausgestellt, im Anbau gibt es eine Photoausstellung „Die Prager Burg“. An der Tür zeigt ein Schild an, daß hier eine Vietnam-Debatte stattfindet. Doch die Spaziergänger gehen achtlos vorbei; niemand sieht hin.

Im Restaurant des „Lindencorso“ darf man sich nicht an einen freien Tisch setzen, obwohl es nur halb besetzt ist. Ein Empfangschef weist die Gäste höflich, aber bestimmt an freie Plätze schon besetzter Tische. Mich hat er zu einem Mann und einer Frau beordert. Sie sprechen über eine Nichte, die nicht arbeiten muß, weil sie drei kleine Kinder hat, über einen Neffen, der in ein möbliertes Zimmer gezogen ist, weil er mit seinen Eltern jeden Abend Krach hatte. Ich frage, was es für neue Nachrichten gibt, ob sie heute schon Zeitung gelesen haben. „Nein“, sagt die Frau, „wozu? Darin steht doch nur, was alle längst kennen.“ Der Mann fragt: „Sie kommen von drüben?“ Er fragt nicht nach den letzten Neuigkeiten, er scheint sie zu kennen.

Später, als die beiden gegangen sind, wird eine Dirne an meinen Tisch gesetzt. Sie ist aus Halle gekommen, um sich eine Ausstellung über Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts anzusehen. Berlin ist ihr allein dafür eine Reise wert. Sie will nach dem Essen gleich zurückkehren. „Zu den Fernseknachrichten will ich wieder zu Hause sein – zu den westlichen Nachrichten. Wenn wir das nicht hätten, lebten wir ja auf dem Mond.“

Für Besucher aus dem Westen liegen Zeitungen stapelweise und gratis bereit. Was drüben keiner mehr lesen will, „weil man ja doch alles kennt“, ist unter anderem dies:

„Indem die sozialistischen Länder die den Frieden und die europäische Sicherheit gefährdenden Pline der imperialistischen Reaktion zunichte machen, vollbringen sie eine geschichtliche Tat des wahren Humanismus.“ ( Neue Zeit)