Walter Schwarz: „Nigeria“; Verlag Fall Mall Press, London; 328 Seiten, 45 sh.

Dieses neue Buch über Nigeria erschien, als der mörderische Konflikt zwischen der Zentralregierung in Lagos und der abgespaltenen Ostregion Biafra sich scheinbar schon seinem militärischen Ende näherte, gleichwohl nicht zu spät; denn die nigerianische Krise und ihre Nachwirkungen werden unweigerlich noch Jahre wahren.

Walter Schwarz arbeitete als Korrespondent angesehener britischer Zeitungen jahrelang in Nigeria und machte sich dort einen Namen als ebenso unabhängiger wie temperamentvoller Betrachter. Das trug ihm Widrigkeiten ein; 1966 wies ihn die damalige Zentralregierung des Generals Ironsi aus dem Lande, und als er nach Ironsis Sturz und Tod zurückkehren durfte, verbrachte er im heutigen Biafra einige Zeit im Geiängnis.

In seinem Buch setzt Schwarz bei den Lesern keine Spezialkenntnisse über Westafrika voraus. Er zeichnet für sie anspruchsvoll und anschaulich ein Bild der nigerianischen Geschichte von stolzen mittelalterlichen Königreichen bis zu den Geburtswehen des neuen unabhängigen Staates, dem verhängnisvollen politischen Terrorismus in der nigerianischen Westregion während der frühen sechziger Jahre, den Putschen und Massakern des Jahres 1966, der Abspaltung Biafras und dem Beginn des Bürgerkrieges im Sommer 1967. Damit verbinden sich Spezialuntersuchungen über die vielfältigen Völker des Landes, seine geographischen Charakteristika und seine erstaunlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten – all das mit den Augen eines sachkundigen Journalisten gesehen, der sich bemüht, auch unbekanntere Quellen der gegenwärtigen Unruhe in Nigeria gewissenhaft offenzulegen.

Zu den tieferen Ursachen der Krise, wie sie aus dem Buch deutlich werden, gehören zum Beispiel der latente Nord-Süd-Konflikt in Nigeria oder die frühen britischen Verwaltungs- und Verfassungsprinzipien, wonach die traditionellen Strukturen des Nordens bevorzugt wurden. Die Putsche des Jahres 1966 – anfangs patriotisch gegen Korruption und Unordnung im öffentlichen Leben gerichtet – zerstörten das mühsam gewahrte Gleichgewicht zwischen den Regionen des Landes in ihren Beziehungen zur Zentralgewalt. Es ist Walter Schwarz nur lebhaft zuzustimmen, wenn er die unüberlegte Politik des Ibo-Generals Ironsi verwirft, dessen Handlungen im ersten Halbjahr 1966 unter den anderen Völkern Nigerias die Furcht vor einer Oberherrschaft durch die ehrgeizigen Ibos hell aufflammen ließ. General Ironsis sogenanntes Einheitsdekret vom Mai 1966, die Abschaffung der bundesstaatlichen Struktur in Nigeria, war der Beginn der eigentlichen Katastrophe.

Ausführlich stellt Walter Schwarz die drei Hauptvölker Nigerias in ihren Kontrasten und Paradoxen vor – die Haussas im Norden, die Yorubas im Westen und die Ibos im Osten, im heutigen Biafra. Er rückt dabei den Irrtum richtig, daß der weiträumige Norden Nigerias unrettbar rückständig, restaurativ und in den Händen einer überlebten Gruppe von Herrscherkasten sei. Dieses Bild des Nordens stimmt schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr, und der soziale Aufschwung dieses Landesteils blieb eigentlich nur wegen des Kriegslärms weithin unbeachtet. Daß die Frage eines sogenannten Religionskrieges nicht überbetont werden darf, wird durch überzeugende Tatsachen belegt; die gegenteiligen Bekundungen von Ibo-Politikern in der Vergangenheit waren wohl eher Mittel zum legitimen Zweck, Anteilnahme in der Außenwelt zu wecken. Widerspruch indessen fordert die These Walter Schwarz’ heraus, die nigerianische Krise habe zum Nachteil der drei Hauptvölker nun Angehörigen von Minderheiten die Macht beschert; es bleibt abzuwarten, ob das nicht nur eine Übergangserscheinung ist.

Dankenswerterweise läßt Walter Schwarz sich nicht auf Prophezeiungen und auf Spekulationen über die Zukunft Nigerias ein. Unbehagen klingt dennoch stellenweise an. Sollte sich einmal der Schwerpunkt der Krise aus dem Ibo-Osten in den Yoruba-Westen Nigerias zurückverlagern, wird man das an Hand der Darstellungen von Walter Schwarz gut begreifen. Daß in dieser sonst umfassenden Schilderung der nigerianischen Probleme über die neue politisch-gesellschaftliche Rolle der Armee und zumal ihrer machtbewußten Feldkommandeure nichts gesagt wird, ist bedauerlich, schmälert aber kaum die Vorzüge dieses aktuellen Buches. Dieter Döllken