Saarbrücken

Die Schliche muß man kennen, privat hätten Sie das nie geschafft.“ Der Bestattungsunternehmer teilte es den trauernden Hinterbliebenen in einem matten Aufatmen mit. Er hatte gegen Behördenwindmühlen gekämpft und wunderbarerweise den Kampf bestanden. Ein Begräbnis schon 48 Stunden nach dem Todesfall schien nicht unmöglich, aber fast: die Verwandlung eines Ablebens in ein Aktenzeichen erwies sich als ein weiter Weg.

Der Tod war eingetreten an einem Donnerstagnachmittag, 17.05 Uhr, in einer Klinik der Saarland-Heilstätten GmbH in Saarbrücken. Dort wurden am folgenden Vormittag gegen 10.00 Uhr den auf dem Papierweg befindlichen Angehörigen Totenschein und Sterbefallanzeige ausgehändigt. So ausgerüstet sprachen die Angehörigen auf dem Standesamt der Stadt Saarbrücken vor in der Erwartung, jene letzten Befundausweise der Klinik gegen Sterbeurkunde und Leichenpaß (zwecks Überführung des Verstorbenen in seine 35 Kilometer entfernte Heimatgemeinde) eintauschen zu können. Mit der Feststellung: „So kann ich Ihnen das aber nicht geben“, entlarvte die Standesamtsangestellte diese Erwartung alsbald als Trugschluß.

Den Leichenpaßantrag zu signieren und das Überführungspapier zu empfangen, gebührt ausschließlich dem Bestattungsinstitut, das allein über das dazu zugelassene Fahrzeug verfügt. Die Sterbeurkunde freilich hätte (drei Exemplare gratis) ohne weiteres den Angehörigen ausgestellt werden können – wenn nicht im Familienbuch des Verstorbenen die Eintragung über den Tod seiner Ehefrau vor fünfeinhalb Jahren, wie er in seinem eigenen Sterbepapier des Krankenhauses registriert war, gefehlt hätte. Die harrenden Angehörigen sagten aus, daß die Ehefrau in einer 40 Kilometer von Saarbrücken entfernten Gemeinde verschieden sei. Das städtische Standesamt ließ sich nicht darauf ein, das entsprechende Aktenzeichen per Telephon von dort zu beziehen. Es wollte es schriftlich. Ein Angehöriger machte sich auf den Weg und erreichte das zuständige Standesamt zehn Minuten vor zwölf. Dort hatte der kompetente Behördenrepräsentant bereits seine Mittagspause angetreten. Einem Dorfgendarm gelang es, ihn schließlich ausfindig zu machen.

Darum konnte der Bestattungsunternehmer, der von da an das private Vorgehen der Angehörigen in sein eigenes, offiziöses verwandelte, die Urkunde über das Ableben der Ehefrau des Verstorbenen noch rechtzeitig beim Saarbrücker Standesamt vorlegen. Inzwischen hatte diese Behörde allerdings einen weiteren ernsten Mangel aufgedeckt: Auf dem Totenschein hatte der ausstellende Arzt ein gewisses symbolisches Kreuzchen vergessen. Ohne Kreuzchen keine Urkunde, Der Mann vom Beerdigungsinstitut machte sich notgedrungen auf den Weg in das sechs Kilometer entfernte Krankenhaus. Nach einer guten Wartestunde gab ihm der Arzt das kleine Zwei-Balken-Visum. Hinzuzufügen hatte er eine Beglaubigung dieser nachträglichen Amtshandlung – schließlich hätte der Bestattungsfachmann das Symbol selber malen können.

Unterdessen hatte das Standesamt ein weiteres Malheur konstatiert: Der deutsche Personalausweis des Verstorbenen war mit dem französischen Familienbuch nie und nimmer in Einklang zu bringen. Hier hieß der Mann Jean Aloyse mit Vornamen, dort Johannes Aloys. Unversehens war da ein Identitätsproblem. Es war gleich über zwei Grenzen gekommen. Der Mann, dessen Ableben zu beurkunden war, stammte aus Luxemburg, hatte anno 1929 in Forbach/Moselle geheiratet, was ihm ein französisches Livre de Familie samt französischem Text eingetragen hatte, und er war nach dem Krieg deutscher Staatsbürger geworden.

An diesem Punkt brachten die standesamtlichen Zweifel den Bestattungsunternehmer in Zorn. Er verwendete ihn dazu, die Behörde ultimativ auf den kurzfristigen Begräbnistermin hinzuweisen – mit dem überraschenden Ergebnis, daß ihm wirklich die Papiere überreicht wurden, unter Vorbehalt der Identitätsprüfung.