Ja, warum das alles? Es könnte ja sein, daß jemand signalrot verputzt in einer ruhigen ästhetischen Landschaft. Dann müßte man den berühmten Gestaltungsparagraphen 14 der Bauordnung von Nordrhein Westfalen heranziehen, einen Gummiparagraphen gegen die Verunstaltung. Aber wegen der Farbgebung haben wir noch nie Schwierigkeiten gehabt. Rot ist ja eine Warnfarbe, die ist sogar verkehrsgefährdend. Wenn einer in einer Kreuzung mit einer Signalfarbe herumfuhrwerkt, so daß der Autofahrer nicht weiß, ob das eine Ampel oder eine Reklame ist, muß die Polizei herangezogen werden. Aber wie gesagt, um die Gestaltung ist in Mari noch kein Prozeß geführt worden " Ich überlege mir, was mich hier im Bauamt vom ersten Augenblick an irritiert. Jedenfalls beeindruckt mich, daß hier offenbar jeder Sachbearbeiter mit einem anderen Gesetzestext durch das Treppenhaus flattert und daß es in den Fachgesprächen Höhepunkte gibt, auf denen sich die Beamten nur noch durch Paragraphenziffern und eine Art von Kürzeln aus Verwaltungsgerichtsurteilen verständigen. Hat der Bürger, der die Materie auch gern begreifen möchte, da eigentlich noch Chancen? Herr Weck versteht: "Deswegen spreche ich ja von der Einheitlichkeit. Wenn ich mal pensioniert bin, schreibe ich das Handbuch für den Baupolizisten. Die Vereinheitlichung erleichtert das Leben nur. Wir Beamte wollen doch auch nur leben. Was meinen Sie, was das hier für eine Knochenmühle ist, das ahnt kein Mensch.

Meine Bibel ist die Bauordnung von Nordrhein Westfalen. Eigentlich müßte das Buch doch eine Tabelle sein, mit Maßen für Fenster, Türen, Aborte und Stellplätze, das wäre doch viel leichter. Dazu nehmen Sie als Kommentar den Gädtke. Horst Gädtke ist Regierungsbaudirektor bei der Landesbaubehörde Ruhr in Essen und der ranghöchste Baupolizist im Lande. Natürlich gibt es noch andere Kommentare. Aber Sie wären ganz schön dumm, wenn Sie einen anderen Kommentar nehmen würden " Ich bitte Herrn Weck um ein einfaches Beispiel, an dem sich der Weg eines Bauantrages durch die Ämter hindurch bis zur Ausstellung eines Bauscheines verfolgen läßt. Er holt eine Akte; sie enthält die Verwaltungsgeschichte einer Garage im Wert von 2500 Mark. Die Geschichte beginnt beim — Planungsamt: Geprüft wird, ob die Garage planungsrechtlich stimmt oder ob es sich um einen "mißratenen Baukörper" handelt. Weiter geht es zum — Vermessungsamt: Es wird nachgesehen, ob der Lageplan vorschriftsmäßig angefertigt wurde, ob planungsrechtliche Festsetzungen verletzt sind und ob eine Bodenverkehrsgenehmigung erforderlich ist. Es folgt das — Tiefbauamt: Man klärt, ob ein Kanalanschluß vorhanden ist oder ob die Abwässer durch eine Hauskläranlage (Versickert oder Untergrundverrieselung?) abgeleitet werden. In der Regel soll ein Kanal vorhanden sein. Handelt es sich um eine Hauskläranlage, wird das — Kreiskulturbauamt zur Prüfung der Bodenverhältnisse eingeschaltet (Gefragt wird, ob eine Abwässerbeseitigung ohne Kanal möglich ist und ob das geklärte Wasser einen Abfluß hat. Ist eine Vorflut vorhanden? Wenn es sich bei der Vorflut um klassifizierte Bäche handelt, sind eventuell weitere Erlaubnisse notwendig ) Die Straßenabteilung im Tiefbauamt prüft, ob das Haus, für das die Garage gedacht ist, an einer vorhandenen Straße liegt. Jedes Gesuch wird auch — Liegenschaftsamt gegeben: Es könnte geplant sein, daß die Straße erweitert werden soll und das Liegenschaftsamt eventuell noch an einem Streifen des Grundstückes interessiert ist. Dann kommt das Gesuch zurück zum — Bauordnungsamt: Es wird einer letzten Rechtsnormenprüfung unterzogen.

Amtsbauoberamtmann Weck erläutert: "Jetzt muß ich also einen Bauschein fertigen In diesem speziellen Falle wurde er erteilt unter der Bedingung: "Das Regenwasser ist bis zur Erstellung des geplanten Regenwasserkanals auf dem eigenen Grundstück versickern zu lassen " Nach einem Monat hatte der Bauherr die Genehmigung. Sie kostete ihn achtzehn Mark Gebühren.

Ist das nicht ein ziemlich großer Aufwand für eine schlichte Garage? "Manche Bürger", Herr Weck schüttelt den Kopf, "begreifen eben nicht, daß ein Plan ein Plan ist. Es geht ja noch weiter. Bei Baubeginn muß der Bauherr eine Anzeige hereinreichen. Vom Vermessungsamt wird dann die Sockelhöhe angegeben. Wir kommen zur Rohbau Abnahme; wir machen die Schlußabnahme. Erst dann darf das Gebäude benutzt werden " Meine Schilderung dieses Tages im Marier Bauamt wäre unvollständig, wenn ich jenen Heiterkeitsausbruch vergäße, den wir der Zeche verdanken, jener Zeche, die eine Siedlung renovieren wollte, deswegen von einem Baupolizisten verfolgt wurde und sich nun am Telephon meldete. Amtsbauoberamtmann Weck am Apparat: "Der Mann hat doch nur in wörtlicher Lesung der Bundesbauordnung gesagt, da wird aus alt neu gemacht. Aber Sie sagen jetzt, Sie gehen nicht von Putz auf Klinker, auch nicht von Kratzputz auf Glattputz, nicht von Putz auf Bretter. Sie machen nur eine reine Instandsetzung, würde ich sagen. Geringfügig wird nur Blech durch Eternit ersetzt. Sie nehmen keinen Materialwechsel vor. Fenster werden nicht verändert, größer, kleiner gemacht? Nein? Verstanden. Verbraten Sie Ihre Gelder ruhig. Sind die Häuser zum Teil nicht morsch, daß Sie eventuell mit der Putzhaltung Schwierigkeiten haben? Nein? Waren da möglicherweise gebrannte Steine drin, die noch nicht richtig tot sind? Rost abgesprungen? Schön " Er legte den Hörer auf die Gabel und stellte fest: "Das Gesetz wurde nicht manipuliert, es war nur eine Instandsetzung. Man soll nicht danach krähen " Doch wer soll denn da nicht krähen? Ich konnte mir nicht helfen, ich fand das alles lachhaft und lachte prompt laut heraus. Und es half nichts: auch Herr Weck begann zu grinsen und lachte mit, bis uns die Tränen aus den Augen traten. Vielleicht hat Dezernent Pieper recht, wenn er sagt, daß das Bauordnungsamt "nervlich stark belastet" sei. Aber waren die Gesetze, Verordnungen und Vorschriften, zu deren Durchsetzung Herr Weck durch Eid verpflichtet ist, nicht in der Tat auch verwirrend? Ganz so einfach, entgegnete mir Herr Weck, sei das nun auch nicht: "Ich bin bestimmt gegen das Bürokratisieren, aber ich bin für die Sicherheit. Die Bauordnung hat den Vorrang vor der Baufreiheit. Ich sehe nicht die Reglementierung; ich sehe nur die Leichtfertigkeit, mit der beim Bauen vorgegangen wird. Das Leben ist gefährlich genug. Ich sage deswegen: Bürger, fühlt euch nicht gegängelt, fühlt euch in Schutz genommen und laßt das gefährliche Bauen sein. Bürgers müßte eigentlich ja, da haben Sie es schon wieder Natürlich, für den Beamten sind Kontrolle und Reglementierung die logischzwingendste Sache seiner Welt.

Ich habe Erwin Wecks Zeit ausgenutzt, sooft siel die Gelegenheit bot. Seine Vorträge, seine Kommentare scheinen mir ein Schatz, der würdig ist, aus dem Marier Wirkungskreis heraus an das Licht einer breiteren Öffentlichkeit gehoben zu werden.

Jeden Mittwoch um neun Uhr versammeln siel die Amtsleiter des Bauamtes unter Vorsitz voi Dezernent Franz Pieper zur Wochenbesprechmg im Konferenzraum. Herr Pieper läßt seinen Mitarbeitern dazu Tee servieren, weil Tee, wi er sagt, arbeitsfördernd wirkt. Er selbst hat immer eine Thermosflasche gefüllt auf dem Sclreibtisch stehen.

Franz Pieper, dessen Händedruck fest ist und dejsen Blick stets erwartungsvoll, als sei ihm seil Gegenüber aus dem Stand eine gute Idee schuldig, ist stolz auf sein Team: "Ein ehrgeiziger Haufen, der gut im Zügel liegt Sicher ist, daJ jeder einzelne aus seiner Amtsleiter Mannschaft der inzwischen auch schon bürokratisierten freien Wirtschaft zur Zierde gereichen würde. Die dienstälteren unter diesen Beamten, die noch zu Zeiten des legendenumwobenen Bürgermeisters Heiland in der Stadtverwaltung Mari dienten, genießen den Tatendrang von Franz Pieper um so mehr, weil von ihrem Können bis zun Tode Heilands im Jahre 1965 wenig Gebrauch gemacht wurde. Heiland hatte einen freischaffenden Architekten, der die städtischen Bauvorhaben nach städteplanerischen Gesichtspunkten begutachtete. Im übrigen bestimmte Heiland selbst, was und wie gebaut wurde. Mit dem Rathaus für 39 Millionen Mark gelang ihm ein Stück Baugeschichte, das noch heute bei den staatlichen Aufsichtsbehörden als unangemessene Extravaganz für ein Amt gilt, in dem nicht mehr als 99 000 Bürger verwaltet werden. Dezernent Pieper ist allerdings anderer Ansicht: "Wenn wir mehr wollen, als nur vegetieren, müssen wir uns in unseren Städten Höhepunkte schaffen. Vielleicht ist das nicht der Standpunkt der Technokraten. Unser Rathaus setzt aber Maßstäbe, nach denen wir uns richten müssen, wenn wir mit unseren Plänen bestehen wollen " Schon weil es billiger ist, bauen Franz Pieper und seine Leute heute mehr "in eigener Regie". Vor allem aber kümmern sie sich um das längst überfällige Konzept einer langfristigen Verkehrs- und Stadtplanung. Ein Teil daraus ist die Gestaltung des zukünftigen Bahnhofsvorplatzes in Mari, der heute mit auf dem Programm der Amtsleiterbesprechung steht "Bahnhof sagen allerdings nur die Marier. Die Bundesbahn spricht von einem "Haltepunkt". Aber das verdrießt niemanden. Wenn schon kein Gebäude, dann soll aber ein Platz eingerichtet werden, auf dem Dezernent Pieper den Nahverkehr (Straßenbahn, Busse und Bundesbahn) gebündelt sehen will. Der Planer hat seinen ersten Entwurf schon gezeichnet, inklusive einer kompletten Ampelanlage. Aber bis das Projekt die Reife hat, die es als Vorlage für den Rat braucht, wird noch Zeit vergehen.