Manchmal möchte man fast verzweifeln. Was ist aus Europa geworden, was aus den großen Hoffnungen, die noch vor wenigen Jahren an die Existenz der EWG geknüpft wurden? Wo sind die Politiker geblieben, die den Aufbau der Europäischen Gemeinschaft mit Energie und Überzeugung, ja oft mit Leidenschaft vorantrieben? Wer überhaupt hat noch Interesse an dem, was in der Hauptstadt der EWG vor sich geht?

An Aktivität freilich mangelt es dort nicht. Von Brüssel aus wird Europa mit einer geradezu beängstigend rasch anschwellenden Flut von Verordnungen überflutet: 1960 waren es 260, im vergangenen Jahr schon 1086 und jetzt ist bereits im August die bürokratische Spitzenleistung des Vorjahres erreicht. Kaum jemand, der sich durch den Wust von Papier noch hindurcharbeiten kann.

Noch weniger vermag man hinter dieser emsigen Betriebsamkeit einer riesigen Verwaltungsmaschinerie eine große politische Idee, eine klare Zielvorstellung zu erkennen. Weder die Europa-Kommission in Brüssel noch irgendeine der sechs Regierungen scheint so recht zu wissen, wie es in Europa weitergehen soll. Außer längst abgedroschenen „Bekenntnissen zu Europa“ haben sie nicht viel zu bieten.

In welchen der großen politischen Fragen, die für die Zukunft dieses Kontinents von so entscheidender Bedeutung sind, ist denn in den letzten Monaten, ja sogar in den letzten Jahren ein Fortschritt erzielt, worden? Eine gemeinsame europäische Forschungspolitik wurde noch nicht definiert – nicht einmal in Ansätzen. Technische Großprojekte der Sechs, die Europa den Anschluß an die rasche Entwicklung in Ost und West sichern könnten, wurden nur vereinzelt in Angriff genommen. Das gilt für die Kerntechnik ebenso wie für die Datenverarbeitung, die Weltraumfahrt, die Tiefseeforschung oder den Flugzeugbau.

In den wenigen Fällen, wo man sich zu Taten aufraffte, hemmen Halbherzigkeit und nationale Eigenbrötelei den Fortschritt. Europa hat die amerikanische Herausforderung noch nicht angenommen.

Mit der gemeinsamen Handelspolitik läßt man sich ebenfalls Zeit, von einer echten Koordination in der Wirtschafts- und Konjunkturpolitik kann überhaupt keine Rede sein. Was die Aufnahme neuer Mitglieder in die Gemeinschaft anbelangt, so ist es dem General in Paris durch geschicktes Taktieren gelungen, die Diskussion darüber vollständig zu ersticken.

Seit Jahren wird über ein europäisches Unternehmensrecht palavert – geschehen ist nichts. Immer noch gibt es für eine wirksame industrielle Zusammenarbeit, für eine Konzentration über die Grenzen hinweg fast unüberwindliche Hindernisse. Mehr als zehn Jahre nach Gründung der EWG ist immer noch nichts geschehen, um Europas Unternehmen die Möglichkeit zu geben, in die gleiche Dimension hineinzuwachsen, wie sie die amerikanischen Konkurrenten längst besitzen