Von Hansjakob Stehle

Wien, im August

Es war nicht die Stimme eines Siegers, die sich müde, mit schwerem Atem am Dienstagabend über die aus geheimen Atombunkern der Armee arbeitenden Sender des legalen tschechoslowakischen Rundfunks zu Wort meldete, als die Schicksalssymphonie Beethovens verklungen war – die Stimme Alexander Dubčeks. Die Moskauer Iswestija hatte den Parteichef der tschechoslowakischen Kommunisten fünf Tage vorher noch als „Verräter“ beschimpft; als Gefangener war er von seinem Arbeitstisch abgeführt und nach Moskau transportiert worden. Doch nun sprach er im besetzten Prag zu seinen Landsleuten, die sechs Tage lang nach ihm gerufen hatten. Weder als Gewinner noch als Unterworfener war er zurückgekehrt.

Das ist mehr, als man beim ungleichen Streit zwischen der Großmacht und ihrem ohnmächtigen Verbündeten erhoffen konnte. Der passive Widerstand eines kleinen, auf seinen eigenen Weg zum Sozialismus bedachten Volkes hat die Sowjetunion in den vielleicht katastrophalsten Irrtum ihrer Geschichte getrieben. Der Versuch, allein durch Militär, fast ohne politische Vorbereitung und Konzeption, einen Führungswechsel in einem bis dahin befreundeten Land zu erzwingen, ist gescheitert.

Aber die halbe Einsicht, die sich im Moskauer Kompromiß vom 27. August schamhaft spiegelt, beendet die Krise noch nicht. Dubček muß nun mit nahezu leeren Händen, ausgestattet nur mit seiner Popularität, gegen Panik und Chaos, Haß und Lethargie ankämpfen, gegen Gefahren auch, die man in Moskau gern „konterrevolutionär“ nennt und doch selbst heraufbeschworen hat, indem man Armeen gegen Freunde in Marsch setzte.

Der Augenblick war so schlecht gewählt, der Vorwand so fadenscheinig, daß die sowjetischen Politiker – ohnehin offenkundig an den Rand gedrängt – tagelang das Heft den Generalen und Geheimpolizisten überlassen mußten. Und diesen blieb nichts anderes übrig, als durch Besetzung der Leitungszentralen, Verhaftung von Intelligenz, beiläufigen Schießereien und verlegenem Biwak unter erzürnten Zivilisten das lahmzulegen, was sie eigentlich zu retten vorgaben: das normale Leben eines sozialistischen Landes.

Ein Rest von Verstand hatte die Besatzer gehindert, das Staatsoberhaupt anzutasten, General Ludvik Svoboda, den grauhaarigen „Helden der Sowjetunion“, der sich in zwei Rundfunkreden darauf festgelegt hatte, daß keine legale Institution die fremden Truppen ins Land gerufen hat. Hoffte Moskau dennoch, sich eine nachträgliche Legitimation einzuhandeln, indem es den Präsidenten zu Verhandlungen lud? Welchem Druck er ausgesetzt war, läßt sich aus seiner Bemerkung ahnen, daß er als Soldat wisse, „welches Blutvergießen zwischen Bürgern und einer modern ausgerüsteten Armee entstehen kann“.