Im Jahr 1881 besuchte König Ludwig II. den Neubau seines Schlosses Herrenchiemsee. Dabei entdeckte er in einem Teppich die weiß-blauen Rauten des bayrischen Wappens. Der König bekam einen Tobsuchtsanfall, die betreffende Stelle mußte aus dem Teppich herausgeschnitten und durch ein neutrales Muster ersetzt werden. Die bayrischen Löwen auf den Pfeilern des Paradeschlafzimmers wurden von König Ludwig schon im Entwurf ausgemerzt. Dennoch ist dieser König, der in seiner Abneigung gegen die Residenzstadt München, gegen alles Bayrische, gegen alles Deutsche (freilich vor allem: alles Preußische) noch zu Zeiten seines wachen Verstandes Pläne ausarbeiten ließ, auf Mallorca, in Ägypten oder gar im „Thale des Hindukusch“ ein absolutes Königreich zu errichten und dafür sein angestammtes Bayern herzlos an den Nagel hängen wollte, dennoch ist dieser Ludwig II. Bayerns Märchenkönig. Zu seinen Schlössern wallfahren jährlich eineinhalb Millionen Besucher, sein Sarkophag in der Gruft der Theatinerkirche ist stets mit Blumen geschmückt, sein Geburtstag wird nie vergessen, am Jahrestag seines auch heute noch rätselhaften Todes rudert ein Boot in den Starnberger See hinaus, man wirft einen Kranz an der Stelle ins Wasser, wo der König ertrunken ist, und vom Ufer her klingt das König-Ludwigs-Lied auf: „In den Bergen wohnt die Freiheit ...“ Das alles nicht für Kaiser Ludwig den Bayern, eine bayrische Herrschergestalt von welthistorischem Format, nicht für Ludwig I. oder Maximilian II., die München mit soviel Geschick und System zu einer Weltstadt gemacht haben, daß es heute der bekannt übermenschlichen Arbeitskraft des Oberbürgermeisters Vogel bedarf, um die Rückverwandlung Münchens in eine Provinzstadt wenigstens in einigermaßen greifbare Nähe zu rücken. Nein: die ganze Liebe des Bayernvolkes gilt dem König, und wenn man in Bayern König sagt, ohne eine genauere Bezeichnung, so meint man den König schlechthin: Ludwig II.

Und in die Ausstellung in der Münchener Residenz, die „Ludwig II. und der Kunst“ gewidmet ist (sie läuft bis 15. Oktober), strömen nun alle jene späten Untertanen des Märchenkönigs, die mit kindlicher Liebe unreflektiert und schlicht die Pracht und die reine Schönheit der ausgestellten Herrlichkeiten bewundern.

Die Ausstellung beschränkt sich auf König Ludwig II. und die Kunst: Ludwig II. in der Politik des 19. Jahrhunderts bleibt unberücksichtigt, obwohl sich das nicht haarscharf trennen läßt; wenn sich dieser König ein Staatszelt nach arabischem Muster entwerfen läßt, in dem er auf einem Prunkdiwan, flankiert von goldenen, edelsteinbesetzten Pfauen unter einem Halbmond residiert, so könnte man das zunächst für einen Auswuchs der damals verbreiteten Orientschwärmerei halten. Kennt man Ludwigs liberal-pazifistische und vor allem ausgesprochen antiklerikale Haltung in der Politik, so gewinnt sowohl der Halbmond als auch die feenhafte Venusgrotte im Schloß Neuschwanstein eine andere Bedeutung.

Die Ausstellung ist im Rohbau einiger wiederaufgebauter Räume im Nordflügel der Residenz eingerichtet. Dämmeriges Licht liegt über allem. Nur gelegentlich ist das eine oder andere Prunkstück in den Kegel eines Punktscheinwerfers gerückt. Auf riesige Leinwände werden wechselnd die Photographien von Ludwigs Schlössern projiziert. Wie von Zauberhand gehalten, steht der leere Prachtmantel (königsblau mit Hermelin) in majestätischem Faltenwurf auf der Treppe, als wende sich der unsichtbare Träger mit königlichem Erstaunen dem Besucher zu. Hebt man den Blick, sieht man oben am Ende der Treppe das lebensgroße Porträt des Königs in eben diesem Mantel.

Viele Ausstellungsstücke sind nur in raffiniert gestellten Spiegeln zu sehen, in denen einsam die prachtvollen Lohengrinschwäne aus unvermuteten Ecken im Zwielicht entgegenzuschweben scheinen. Aber auch abgesehen von diesem Raffinement (das nicht ohne Witz und Ironie ist) steht man, die Kunstwelt Ludwigs II. insgesamt betrachtend, diesem Phänomen fassungslos gegenüber. Das Wort Kitsch genügt hier nicht. Schlägt Quantität hier in Qualität um?

Ludwig II. hat von seiner Thronbesteigung im Jahr 1864 an bis zu seinem Tod im Juni 1886 eine solche Fülle, eine solche unvorstellbare, gigantische, monströse Menge von Kunstwerken in seinem Sinne aufgehäuft, erstellt und errichtet, daß hier einfach die Macht der Fakten ins Spiel kommt.

Der König begriff sein Leben als Theater, sein Leben, ja die Welt als Szene, sich selber und alles, was ihn umgab, als totales Schauspiel. Er spielte sich vor sich selbst allein, Autor, Schauspieler und Zuschauer in einer einzigen einsamen Person vereint, absolut totales Theater.