In seinen Thesen zur sozialistischen Revolution und dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen schreibt Lenin, der siegreiche Sozialismus müsse die volle Demokratie verwirklichen, folglich nicht nur vollständige Gleichberechtigung der Nationen realisieren, sondern auch das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen durchführen, das heißt das Recht auf freie politische Abtrennung anerkennen.

Und Lenin in seiner Studie „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“:

„Wäre eine möglichst kurze Definition des Imperialismus erforderlich, so müßte man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist.“

Nach der Intervention der Sowjetunion und der vier anderen Staaten des Warschauer Paktes in der ČSSR scheint es sich nun mit dem „siegreichen Sozialismus“ so zu verhalten, daß er endgültig das monopolistische Stadium erreicht hat.

Wie sich der Kapitalismus der freien Konkurrenz durch immer größere Konzentration wirtschaftlich zu einem Kapitalismus der Monopole entwickelt hat, so hat sich der Sozialismus der freien Konkurrenz der Nationen durch immer größere Konzentration der Macht ideologisch zu einem Monopol-Sozialismus entwickelt, der eine Konkurrenz nicht mehr zuläßt. Und wie, nach Lenin, jedes Monopol in der Wirtschaft „die Tendenz zur Stagnation und Zersetzung“ habe, so daß der Antrieb zu jedem anderen Fortschritt, überhaupt zur Vorwärtsbewegung „verschwinde“, so hemmt auch das Sozialismus-Monopol der Sowjetunion, welches dieser die Macht zu jeder Art von wirtschaftlicher und militärischer Sanktion gegen einen Konkurrenz-Sozialismus gibt, jeden Widerspruch, der zur Veränderung und zum Fortschritt führt. Wie auch die Lage in der Tschechoslowakei sich entwickeln wird – die Intervention der Sowjetunion muß ein Anlaß sein, die Grundsätze des Sozialismus, eiren nach dem andern, neu zu überprüfen, weil sie die Möglichkeit gelassen haben, und das heißt: für die Möglichkeit gesorgt haben, daß menschenunsinnige Handlungen, durch diese Grundsätze erst ermöglicht, gar nicht erst gesetzt werden mißten, sondern schon wie selbstverständlich einfach schamlos geschahen. Lenin kritisiert, daß die meisten den Kapitalismus für ein „Naturgesetz“ halten: ebenso müssen endlich die Grundsätze des Sozialismus, die als „Natursätze“ behandelt werden, überprüft werden.

Freilich kommt man nicht umhin, den Reformsozialisten in Prag in manchem mangelnde List vorzuhalten, mögen diese Vorhaltungen jetzt auch ein wenig fehl am Platz erscheinen. So sind etwa die Informationsmittel in Prag gerade in der kritischen Zeit zumindest unvorsichtig gebraucht worden: Das „Manifest der 2000 Worte“ etva, das soviel Publizität erhielt, ist so naiv, individuelle Moral der politischen Moral vorzurennen („Zur Anständigkeit reichte es einfach nicht mehr ...“) und die Kommunistische Partei als eine Machtorganisation zu bezeichnen, „die eins gewaltige Anziehungskraft auf herrschsüchtige Egoisten ausübte, auf skrupellose Feiglinge und Leute mit schlechtem Gewissen“. Sosehr diese recht mechanischen Vorwürfe individuell stimmen mögen, politisch sind sie nicht nur unklug, sondern falsch. Und ebenso ist die Forderung, man müßte mit dem Entschluß, „das alte Regime zu vernichten, bis zum Ende gehen“, zumindest mißverständlich (auch die Struktur des Regimes?) und jedenfalls, als publizierter Satz, ein Hindernis für die Reformer.

Auch hat diese Reform noch nicht in allem, das ist nicht abzustreiten, zu Veränderungen nach vorn geführt: in einigem haben sich vorübergehend Rückfälle gezeigt: mit Genuß berichteten westdeutsche Zeitungen von separatistischen Bestrebungen der Slowaken; mit Rührung konnten westdeutsche Fernseher altersschwache Weihbischöfe, Bischöfe und Erzbischöfe besichtigen, die sich in allen ihren klerikalen Funktionen schon wieder installiert hatten, lebende Reliquien ihrer selbst, und mit Genugtuung und Schadenfreude konnten die westdeutschen Kommunikationsmittel den Eindruck vermitteln, daß die Bürger der Tschechoslowakei „im Grunde“ mit „uns“ kommunizieren wollten und „eigentlich“ in der Mehrheit eine Demokratie „im westlichen Sinn des Wortes“ (Peter Weiss) wünschen.