Aixheim/Rottweil

Süße, wir haben einen Sechser“, rief Max Zusset fassungslos. Mit Freudentränen in den Augen stürzte der 58jährige Ehemann spätabends ins Schlafzimmer und rüttelte seine Frau Ursula wach. Wie jeden Samstag um zehn Uhr abends hatte er im Sessel vor dem Rundfunkgerät gehockt und auf die Durchsage der Lottozahlen gewartet: Sein Tip war diesmal eine halbe Million wert. Lange konnten die beiden „Glückskinder“, die bisher jeden Pfennig umdrehen mußten, ihr Geheimnis nicht hüten. Nur ihre Vermieterin in Aixheim wurde eingeweiht. Ihr wurde das Versprechen abgenommen, über die Angelegenheit nicht zu schwätzen, „damit morgen nicht die Bittsteller bei uns Schlange stehen“.

Die Kunde von dem plötzlichen „Geldregen“ muß trotzdem durchgesickert sein. Am Sonntagmorgen, als einige Herren in der Dorfschenke ihr Viertele schlürften, wurde bereits darüber getuschelt.

Am Montag früh klingelte der Wecker bei Zussets nicht wie üblich um sechs Uhr: Eine halbe Million ist ein sanftes Ruhekissen. Der sonst so fleißige „Maxe“ schlief aus. Dienstags vermißte man ihn wieder an seinem Arbeitsplatz in dem Kaminsteinwerk, wo er seit vierzehn Jahren beschäftigt war. Die Kollegen glaubten, er sei krank. Selbst der Chef schöpfte keinen Verdacht. Er hatte Max Zusset als pflichtbewußt und zuverlässig kennen und schätzen gelernt. Um so mehr staunte ein Meister aus der Firma, als er Max Zusset nach Dienstschluß beim Einkaufen traf. Auf die vorsichtig formulierte Frage, ob etwas nicht in Ordnung sei, erhielt er die Antwort: „Doch, doch – nur ... für mich ist endgültig Feierabend. Ich erscheine nicht mehr bei euch.“ Nimmt es wunder, daß Max Zusset bei all der Aufregung vergaß, seinem Chef die Kündigung zu schicken? Einer Nachbarin, die wissen wollte, ob er denn bald in Urlaub fahren werde, beschied er: „Von heute an habe ich immer Ferien.“

Zwölf Jahre hatte Max Zusset sich in Geduld geübt, ehe er das große Los zog. Woche für Woche gab er seinen Wettschein ab, immer mit der gleichen Zahlenreihe. Bis ein italienischer Gastarbeiter während der Frühstückspause über das ausgeklügelte System witzelte. Da kreuzte er blindlings ein paar Fehler an und war mit diesen Federstrichen aller Sorgen ledig.

Die Gemeinde wird ihren „Finanzkönig“, der sich gern auf Wanderungen entspannt, bald ziehen lassen müssen. „Maxe“ hat Sehnsucht nach der See. „Wir werden uns ein Eigenheim bauen – möglichst in der Gegend von Kiel. Ich möchte ans Wasser. Außerdem ist das Klima da oben für meine nervenkranke Frau erträglicher.“

Die anderen Punkte im Katalog der Wünsche aus den ersten turbulenten Stunden des unerwarteten Reichtums (es war von einem Mercedes 250 SE und einem Flug rund um die Welt die Rede) wurden inzwischen gestrichen. Auch die zahlreichen Bettelbriefe, die der Postbote täglich bringt, liegen ungeöffnet auf dem Küchenschrank: „Ich habe doch keine Tausender zu verschenken.“ Einziges Zugeständnis an die Mitbürger war eine kleine Feier; sie kostete nur 200 Mark.