Von Iring Fetscher

Korcula, Jugoslawien, Ende August

Die jugoslawischen Herausgeber der Zeitschrift Praxis konnten in diesem Jahr unter den Teilnehmern ihres 5. Internationalen Kongresses in Korcula erstmals die beiden großen alten Herren des heterodoxen Marxismus, Ernst Bloch und Herbert Marcuse, begrüßen. Die starke internationale Beteiligung und die Thematik „Karl Marx und die Revolution“ hatten mehr noch als sonst auch zahlreiche jugoslawische und ausländische Studenten auf die sonnige süddalmatinische Insel gelockt.

Am Morgen des 21. August schlug die Nachricht von Einmarsch der Truppen der fünf Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR wie ein Blitz in die heterogene Schar sozialistischer und marxistischer Philosophen und Soziologen ein, die an diesem Tage die Frage des „wissenschaftlichtechnischen Fortschritts und des Humanismus“ diskutieren wollte. „Wissen Sie schon das Neueste“, fragte mich Herbert Marcuse mit einer Mischung von bitterer Ironie und melancholischer Resignation in der Stimme: „Die Russen sind in die Tschechoslowakei einmarschiert.“ Wie viele andere, wollte ich diese Nachricht zuerst einfach nicht glauben; ich hielt sie für absurd.

Das Tagungsprogramm fiel aus. Statt dessen wurden drei Briefe und Resolutionen redigiert und von den Anwesenden unterschrieben. Zunächst ein Brief an Präsident Tito mit der Bitte, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dem tschechoslowakischen Volk und seiner Kommunistischen Partei zu helfen. Dann eine Resolution für die breitere Öffentlichkeit, in der die absolute Unvereinbarkeit des Einmarschs der fünf Warschauer-Pakt-Staaten mit dem Völkerrecht und den Prinzipien des sozialistischen Internationalismus hervorgehoben wurde. Endlich ein Telegramm an den Sekretär des Politbüros des ZK der KPdSU, Genossen – „nein“, schrie es von allen Seiten: „Herrn Breschnew“ – der aufgefordert wurde, unverzüglich die Invasion zu verurteilen und sie zu stoppen.

Auch wenn niemand unter den linken Intellektuellen die Sowjetunion als „faschistisch“ bezeichnet haben würde, wie das Radio Tirana – die stärkste Rundfunkstation an der südlichen Adria – immer wieder tat, empfand man doch drückend die Parallelen mit der Besetzung vor dreißig Jahren und schämte sich für die Sowjetunion und ihre Satelliten. Die deutschen Teilnehmer fühlten besonders schmerzliche Scham für die willfährigen Vollzugsorgane des sowjetischen Herrschaftswillens in der DDR.

Über die entscheidenden Motive Moskaus gab es kaum Zweifel. Jedenfalls schien die Furcht vor der „Ansteckung“ eines freiheitlichen Kommunismus bei den Parteiführungen in der DDR, der Sowjetunion und Bulgarien ein wichtiger Faktor gewesen zu sein. Von der ungarischen Parteiführung wußte man, oder glaubte doch zu wissen, daß sie zögernder und widerwilliger dem Weg der anderen gefolgt war.