Der in dieser Woche in Chicago tagende Parteikonvent der Demokraten trägt alle Züge des Außergewöhnlichen. Die 2622 Delegierten mußten aus Angst vor Unruhen der Farbigen, der Armen und der Jugendlichen hinter Stacheldraht, Panzern und Soldaten Schutz suchen. Am ersten Tag wurden bei Tumulten etwa hundert Menschen verletzt.

Wie die amerikanische Bevölkerung, so spalten sich auch die Delegierten in zwei extrem gegensätzliche Lager: In der Vietnamfrage schien ein Kompromiß nicht mehr möglich zu sein, ohne große Gruppen vor den Kopf zu stoßen.

Der aussichtsreichste Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur, Hubert H. Humphrey, hat sich – nach langem Lavieren zwischen „Falken“ und „Tauben“ – mit der Politik Lyndon B. Johnsons identifiziert. Seine Gegenspieler, die Friedenskandidaten Eugene McCarthy und George McGovern, versuchten, die Partei im Wahlprogramm festzulegen; Die jetzige Politik solle verurteilt, die Bombardierung sofort eingestellt, und in Südvietnam eine Koalitionsregierung gebildet werden.

Ihre erste Schlacht ging verloren: In die Beratungen des Formulierungsausschusses hinein platzte die Nachricht, die ČSSR sei besetzt worden. Die Harten gewannen sofort die Oberhand. Humphrey wurde ein Nachgeben sehr schwergemacht, denn er wird von den konservativen Südstaaten bedrängt, ohne ihre Unterstützung kann er die Wahl im November nicht gewinnen.

Die Demokraten sind auf der Höhe ihres Parteitages weiter von einem Wahlsieg im November entfernt, als zu irgendeinem Zeitpunkt des Wahlkampfes. Richard Nixon führt in der Gunst der Wähler souverän mit 54 Prozent vor Humphrey mit 27 Prozent.