Aus allen Bundesländern hieß es noch Anfang JHL August frohgemut: "Die Getreideernte wird diesmal außerordentlich gut ausfallen Doch gerade als die Einbringung der Ernte ihrem Höhepunkt entgegenging, begann es in veiteil Teilen der, Bundesrepublik fast ununterbrochen zu regnen. Nur nördlich des Mittellandkanals blieb es genügend trocken; südlich Hannover blieben die Mähdrescher stehen.

Zu Maria Himmelfahrt war es dann bereits so schlimm, daß Bundesernährungsminister Hermann Höcherl den dringenden Hilferuf an die EWG Kommission nach Brüssel richtete, sie möge unverzüglich die finanziellen Folgen der katastrophalen Entwicklung der Getreideernte abwenden. Er fand auch bei vielen Städtern Verständnis, die auf ihren verregneten Wochenendfahrten draußen auf dem Lande nasse, darniederliegende Getreidefelder gesehen hatten. Die Ernte schien auf den Halmen zu faulen. Doch kaum hatte Höcherl sein Stoßgebet gen Brüssel gerichtet, als der Regen aufhörte. Unter strahlend blauem Himmel suchten die deutschen Bauern in den letzten vierzehn Tagen zu retten, was noch zu retten, war. Es war eine ganze Menge.

Inzwischen sind die Felder zum größten Teil abgeerntet. Nur in Bayern, das von der schlechten Witterung am meisten betroffen war, sieht man noch in größeren Mengen Korn auf dem Halm.

Die Getreideernte ist also nicht katastrophal ausgefallen. Nach ersten Berechnungen liegt sie mit 17 Millionen Tonnen nur um eine Million Tonnen unter der Rekordernte des Vorjahres. 1967 fuhren die Bauern nicht weniger als 18 Millionen Tonnen Getreide in ihre Scheunen; im Durchschnitt der sechs vorangegangenen Jahre waren es dagegen nur 14 7 Millionen Tonnen. Nicht zuletzt die hohe Vorjahrsernte war jetzt Schuld an den Nöten der Getreidebiuern und der Agrarpolitiker. In den Vorratsstellen lagern noch über zwei Millionen Tonnen Getreide. Auch die Mühlen sind mehr als reichlich eingedeckt; für die Unterbringung des feuchten Getreides der neuen Ernte ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten.

Die Bauern möchten es so schnell wie möglich abliefern. Der Andrang war beängstigend. So mußten sie im Kreis Euskirchen mit ihren beladenen Fahrzeugen bis zu 14 Stunden warten, bevor ihre Ernte in einer Trocknungsanlage angenommen wurde. Und auch vor den Silos der Händler und Genossenschaften stauten sich die Fahrzeuge. Selbst die Bundeswehr wurde um Hilfe gebeten, damit die Kornladungen transportiert werden konnten.

Notgedrungen schlugen die Bauern Höcherls Rat in den Wind, ihre Ernte so spät wie möglich zu verkaufen, weil "eine Massierung der Ablieferung zwangsläufig zu Preiseinbußen, stellenweise sogar zu Preiszusammenbrüchen führen" müsse. Alle Läger seien noch so voll, daß nur ganz allmählich Platz für das neue Getreide geschaffen werden könne , Der findige Minister hatte seit Monaten gemeinsam mit der staatlichen Vorratsstelle nichts unversucht gelassen, um zusätzliche Vörratsmöglichkeiteh zu schaffen. Selbst alte Lastkähne wurden diesem Zweck dienstbar gemacht. In ihnen ruhen zur Zeit etwa 55 000 Tonnen deutsches Getreide. Er hat selbst in anderen Ländern der EWG Lagerraum gemietet, soweit, es dort möglich war, denn auch unsere Partner haben mit dem reichlichen Ernteseigen zu kämpfen. Der Grünen Front blieb es vorbehalten, alles in Abrede zu stellen und schlichtweg zu behaupten, nur überhöhte Einfuhren behinderten die Lagermöglichkeiten für das deutsche Getreide. In Edmund Rehwinkels ökonomischem Kampfblatt, der "Deutschen Bauernzeitung" hieß es: "Niemand weiß genau, woher das viele Getreide kommt " Deshalb müsse die Bundesregierung scharf aufpassen, "sonst wird die Bundesrepublik auch zum Abladeplatz der Getreideüberschüsse aus aller Welt". So sachlich wird da argumentiert. Wer sich in den verschlungenen Pfaden der EWG Getreidemarktordming nicht auskennt, muß auch Höcherls Warnung vor Preiseinbrüchen ungläubig aufnehmen. Haben die Minister der sechs Partnerländer nicht jahrelang um die Festsetzung einheitlicher Getreidepreise gerungen? Dieser Preis kann den Bauern doch ebenso wenig verwehrt werden wie vorher die nationalen Garantiepreise? Höcherl kann und will dies auch nicht. Nur liegt zwischen dem Preis, zu dem die Vorratsstellen Getreide aufkaufen, also am Markt intervenieren müssen, und dem tatsächlich bezahlten Preis meist noch eirie kleine, aber gewinnver mehrende Differenz. Der Interventionspreis ist etwas geringer als der Richtpreis. Im Vorjahr erreichte der Unterschied immerhin — je nach Getreideart verschieden — bis zu 5 :Prozent , Daneben gibt es aber auch Getreide, das "nicht interventionsfähig" ist, wie es in der Fachsprache heißt. Nur eine genau normierte Standardqualität wird von den Vorratsstellen aufgekauft. Hier eben setzen die Sorgen unserer Getreidebauern in diesem Jahr ein. Ihr Korn hat einen hohen Feuchtigkeitsgehalt und einen beträchtlichen Auswuchs. In einigen Bereichen der Bundesrepublik ist Weizen mit einem so hohen Feuchtigkeitsgehalt geerntet worden, daß er wohl nur noch als Futtergetreide verwendet wer den kann. Die Preisdifferenz beträgt ungefähr 50 Mark je Tonne.

Auch der Auswuchs mindert die- Qualität, Getreide mit mehr als 8 Prozent Auswuchs wird daher von den Vorratsstellen abgelehnt. Es kann dann nur noch verfüttert oder zu kleinen Preisen verkauft werden.