Von Wolfgang Boller

In meinem Bekanntenkreis sind mehrere alte Leute auf Zebrastreifen angefahren und überfahren worden. Sie sind nun teils gehbehindert, Dauerkrüppel, die sich den Tod wünschen. Was wird dagegen getan? Ungefähr nichts. Für Radfahrer müssen Fahrwege geschaffen werden, damit Eltern nicht täglich in Ängsten schweben, wenn ihre Kinder zur Schule fahren. Wieviel Schüler sind schon überfahren worden, nicht weil sie sich nicht an die Verkehrsregeln hielten, sondern durch die Schuld brutaler, ohne jegliche Disziplin fahrender Autofahrer, die keinen Abstand hielten oder überholten. Sie fuhren meist auch über 50 Stundenkilometer, was der Großteil tut. Das ist auch dem Verkehrsministerium bekannt. Doch ungefähr nichts wird dagegen unternommen. Die Herren fahren anscheinend auch so und wollen es nicht anders. Es ist aus den neuen, auf uns zukommenden Verordnungen zu ersehen. Erst die Autofahrer, dann eine Weile nichts – und dann erst untergeordnete Wesen. Toni Haacke, Bad Godesberg

Im Verkehrsministerium zu Bonn wurden Fußgänger gewogen und zu leicht befunden. Privilegien nur für Autofahrer. Menschen im Auto haben größere Rechtsvollkommenheit. Menschen ohne Auto sind vielleicht nicht einmal Verkehrsteilnehmer, jedenfalls Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse: alte Leute, Radfahrer, Kinder – ein einziges Ärgernis.

Der jüngste Referenten-Entwurf zur Reform der Straßenverkehrsordnung (von 1937) bestätigt eine Auffassung, die sich in einem Volk von Autofahrern mit jährlich etwa 17 000 Verkehrstoten offenbar durchsetzt: Der Verkehr hat Vorrang vor dem Leben in Städten und Dörfern. Das Leben hat sich dem Verkehr anzupassen (lies: unterzuordnen).

Seit Jahren zeichnet sich die Tendenz deutlicher ab, mehren sich die Anzeichen. Ein Volk von Autofahrern scheut kein Opfer zum höheren Ruhme des neuen Götzen. Promenadenstraßen wurden zu Stadtautobahnen ausgebaut und verwandelten sich in lebensfeindliche Verkehrsschluchten. Kastanienalleen wurden umgeholzt und Bürgersteige verschmälert, auf daß der Autoverkehr dreispurig fließe. Auf den schmalen Bürgersteigen wurde das Parken erlaubt.

Vor ein paar Jahren hatte der Mensch beim Rechtsstreit gegen ein Auto noch reelle Chancen. Das Bayerische Oberste Landesgericht verurteilte einen Autofahrer, der sich mit seinem Motorwagen wie mit einer Planierraupe gegen einen nichtmotorisierten Mitbürger gewaltsam den Weg in eine Parklücke erzwungen hatte. Ein gleicher Fall wurde vor einigen Monaten vor dem Hamburger Oberlandesgericht verhandelt.