ZEIT: Herr Böll, darf ich Sie, der die Russen gut kennt, und dessen literarisches Werk in der Sowjetunion Millionenauflage erreicht hat, fragen, wie Sie sich den Entschluß der Russen zur Intervention in der ČSSR erklären?

Böll: Ich glaube, die Motivierung für den machttechnischen Teil der Intervention ist auf falsche Vorstellungen zurückzuführen. Wahrscheinlich hat der Geheimdienst seine Auftraggeber in Moskau über die tatsächliche Stimmung in der Tschechoslowakei einfach falsch informiert. Alle Informanten haben ihrer Regierung mehr oder weniger nach dem Munde geredet. Die Sowjetunion hat wahrscheinlich mit den Sympathien von wenigstens zwölf bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung gerechnet. Das war also der Fehler in der technischen Kalkulation.

Das sachliche, sagen wir das eigentliche Motiv war – das glaube ich immer mehr – die Opposition in der Sowjetunion. Und zwar die Opposition der Intellektuellen. Immer wieder tauchte das Argument auf, als erstes die Pressefreiheit abzuschaffen, fast scheint dies die Hauptbedingung gewesen zu sein. Das läßt doch den Schluß zu, daß diese Pressefreiheit, als möglicherweise ansteckende Krankheit, für die Sowjetregierung und die Ostblockstaaten das wichtigste Motiv war, um einzumarschieren.

ZEIT: Würden Sie denken, daß diese falschen Informationen zu gewissen personellen Folgen führen werden? Könnte man sich vorstellen, daß Leute, die die Situation falsch beurteilt haben, jetzt dafür werden büßen müssen?

Böll: Das könnte ich mir schon denken. Das wäre doch eigentlich konsequent. Die falsche Einschätzung der tschechoslowakischen Situation war so eklatant, Panzer als Argument so absurd, daß die Leute, die diese Aktion gestartet haben, dafür geradestehen müßten.

Ich möchte noch etwas ergänzend erwähnen: Es könnte sogar sein, daß einige Tschechen und Slowaken wirklich eine Konterrevolution befürchtet haben. Das überraschende aber ist, daß sie alle – auch Leute, die sich während der acht Monate von Januar bis August, sagen wir, opportunistisch oder doktrinär verhalten haben –, daß sogar die jetzt ihre Haltung grundsätzlich geändert haben. Das ist die blamabelste Folge für die Sowjets. Es war für mich höchst interessant, in Gesprächen auch mit kommunistischen Funktionären, festzustellen, daß eben selbst die, die vielleicht früher den Einmarsch der Russen für richtig gehalten hätten, jetzt anderer Meinung geworden sind.

ZEIT: Parallel zu den Ereignissen in der ČSSR hat sich seit dem Frühjahr der Druck auf die Intellektuellen in der UdSSR selbst ständig verschärft. Da waren die Breschnjew-Reden, da gab es abgesetzte Theaterstücke, den Ausschluß von Schriftstellern aus der Partei und von Malern aus ihrem Berufsverband. Wie werden sich nach Ihrer Meinung die letzten Ereignisse in der ČSSR auf die Situation der Intellektuellen in der Sowjetunion auswirken?