Die Besetzung der Tschechoslowakei wurde vom Oberkommando des Warschauer Pakts von langer Hand vorbereitet. Der politische Entschluß jedoch fiel erst zwei oder drei Tage vorher, und zwar so überstürzt und fahrlässig, daß die Besatzungstruppen keine Marionettenregierung als Partner vorfanden und der sowjetische UN-Botschafter zu seinem großen Ärger die Anklagerede des legalen Prager Bevollmächtigten anhören mußte.

Die Wende zum Bösen war der Besuch Ulbrichts in Karlsbad am 12. August. Vergebens suchte er die Prager Reformer auf einen härteren Kurs festzulegen. Aber einige der noch verbliebenen orthodoxen Spitzenfunktionäre fühlten sich durch Ulbrichts Drohungen ermutigt, mehr denn je gegen den Liberalisierungskurs Front zu machen – dieselben Männer, die bei dem für den 9. September einberufenen Parteikongreß um ihre Ämter fürchten mußten. Ein Beweis für die wachsende Stärke der konservativen Gruppe: Über den Kopf des Außenministers Hajek hinweg vermochte der Chefredakteur von Rude Pravo, ZK-Präsidiumsmitglied Svestka, die Ausweisung des New York Times-Korrespondenten Henry Kamm durchzusetzen.

Der ungarische Parteichef Kadar, der in den letzten Monaten öfters vermittelt hatte, traf sich am 17. August mit Parteichef Dubček, um in letzter Minute eine Kompromißformel auszuhandeln, die das wachsende Mißtrauen der Harten in und außer Landes besänftigen konnte.

Am 18. August wurde der CSSR-Botschafter in Moskau, Koucky, ein Freund der Orthodoxen, zurückberufen. Er soll zuvor General Jepischew, den führenden Politoffizier der Roten Armee, darauf aufmerksam gemacht haben, daß die Endphase in der Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen unmittelbar bevorstehe. An jenem Sonntag wenigstens trafen sich Jepischew und Verteidigungsminister Gretschko mit dem Oberkommandierenden der Ostblock-Streitkräfte, Marschall Jakubowski. General Jepischew hatte von Anfang an größte Bedenken gegen die Prager Reformen gehegt, da sie auf die DDR, Polen und Ungarn überzugreifen drohten. Überdies fürchteten die Militärs, die Sowjetunion könne eines Tages der wichtigen Radarkette in den Sudeten und der fünfzehn Flugplätze in Westböhmen verlustig gehen.

Auf das Begehren der Generale sollen Breschnew und Podgorny aus ihrem Urlaub am Schwarzen Meer und Kossygin von seiner Datscha nach Moskau aufgebrochen sein, wo eiligst für Montag und Dienstag Politbüro und Zentralkomitee zusammengetrommelt wurden. In der Sitzung des Politbüros haben sich, so heißt es, Kossygin, Chefideologe Suslow und Gewerkschaftsboß Scheljepin einer militärischen Intervention widersetzt. Zu den Harten zählte wiederum wie in Cierna der ukrainische Parteisekretär Schelest, der die Auswirkungen der Prager Reformen auf die Grenzprovinzen der Sowjetunion erfahren hatte. Den Ausschlag gab dann die Stimme von Generalsekretär Breschnew.

Am Montag, dem 19. August, empfing Dubček einen Brief von Breschnew, der ihm in rüdem Tone den Bruch der mündlichen Vereinbarungen von Cierna vorwarf. Auf der Präsidiumssitzung am nächsten Abend legten Dubčeks Opponenten Indra und Kolder einen Entschließungsentwurf für den Parteitag vor, der einem Mißtrauensvotum für Dubček gleichkam. Als die anscheinend stürmische Sitzung gegen 23 Uhr zu Ende ging, rollten die ersten Panzer über die Grenze. Dubček war wie vom Donner gerührt: „Wie können sie mir des antun? Mein ganzes Leben habe ich der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion gewidmet. Dies ist die Tragik meines Lebens.“