Von Walter Dirks

Das Wort des Papstes hat den Erzbischof von München-Freising eine schwere Last auf die Schulter gelegt. Konflikte mit dem Heiligen Vater sind weder im Ritual noch im Gewissen katholischer Bischöfe vorgesehen. Kardinal Döpfner hat diesen Konflikt auch nicht gesucht, als er seinerzeit Paul VI. das Mehrheitsgutachten der päpstlichen Kommission für die Fragen der Geburtenregelung überreichte und als er sich zum Anwalt der darin vertretenen Auffassung machte.

Döpfner hat es sich mit dieser Sache nicht leichtgemacht. Der junge Bischof von Würzburg hätte dem Papst mit Überzeugung zugestimmt. Der Kardinal hat sich nach langer Prüfung für ein neues Verständnis des ehelichen Lebens eingesetzt. Er hat sich überzeugen lassen, nun ist er aber auch überzeugt.

Jetzt wird er hinter den verschlossenen Türen der Deutschen Bischofskonferenz ein gewichtiges Wort, vielleicht das gewichtigste Wort der Versammlung zu sprechen haben. Als ihr Vorsitzender wird er sodann die Formulierungen vertreten müssen, in denen die deutschen Oberhirten, soweit es an ihnen liegt, die Kluft zu schließen haben, die der einsame Entschluß des Papstes in der Kirche aufgerissen hat. Das wird nicht leicht sein.

Es ist völlig sicher, daß zunächst einmal die Äußerungen und Handlungen sowohl der Gehorsamen und der Anhänger des alten Kurses als auch der Opponenten „eskalieren“. Niemand weiß, bis zu welchem Grade. Auch wenn sie eine heilsame Klärung erhoffen, müssen die Bischöfe für lange Zeit mit gefährlichen Spannungen rechnen. Zum erstenmal tritt das Schreckgespenst einer Spaltung in den Blick katholischer Christen. Noch ist es lange nicht so weit, und die Bischofskonferenz wird zur Ruhe und auch zur Loyalität mahnen; aber sie kann weder ungeschehen machen, daß viele Bischöfe selbst die Meinungen vertreten haben, die der Papst mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität als irrig, gefährlich und leichtfertig hinstellt, noch kann sie sich von der reiferen Erkenntnis ehelicher Wirklichkeit zu einer engeren und dürftigeren Theorie zurücktreiben lassen, zu einer Lehre, die allerdings auch in der Konferenz selbst ihre Anwälte haben wird.

Ist Döpfners Meinung in den Sachfragen der Enzyklika von hohem Gewicht, so bildet er in der zweiten Frage, die sie aufwirft, geradezu die Schlüsselfigur. Der Papst hat „entschieden“, ohne die Bischöfe zu fragen. Er hat damit das Kirchenverständnis aufgegeben, das in den beiden Vatikanischen Konzilien, im Ersten mittelbar, im Zweiten ausdrücklich geglaubt und verkündigt worden ist: die Kirche als das gegliederte Gottesvolk, in dem der Nachfolger des Petrus der Erste der Bischöfe und der Garant der Einheit ihrer und der Gesamtkirche ist, aber nicht in erhabener Isolierung, sondern so an die Mitbischöfe verwiesen und gebunden, wie diese in der Formel „mit und unter dem Papst“ an ihn als den Petrus-Nachfolger und Garanten der Einheit gebunden sind.

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