Von Paul Kruntorad

Alle Schriftstellerverbände des Ostblocks geben Wochenschriften heraus, deren Funktion nicht nur literatur-, kunst- und allgemein kulturkritisch ist, sondern eben politisch. Die politische Funktion etwa der Moskauer „Literaturnaja gaseta“ oder der rumänischen „gazeta“ ist eindeutig repressiv. Doch die 25 Ausgaben (und 2 Sonderausgaben) des Wochenorgans des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, „Literárni listy“ (Literaturblätter), die heuer unter dem Regime Dubček erschienen sind, haben progressive Politik gemacht, in einem Ausmaß, das man am besten an den äußerst gereizten Reaktionen in der Moskauer Presse ablesen konnte. Die meisten der Herausgeber und Redakteure sind Mitglieder der kommunistischen Partei. Sie waren gemeint, wenn in der „Prawda“ und in der „Literaturnaja gaseta“ von konterrevolutionären Elementen die Rede war, sie führten die Liste jener prominenten Intellektuellen und Schriftsteller an, die von dem kollaborierenden Teil der tschechischen Geheimpolizei gemeinsam mit den Einheiten der sowjetischen Okkupationskräfte für die ersten Verhaftungen nach der Besetzung benutzt wurde.

Ursprünglich hieß die wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Literární noviny“‚ ein wenig in Anklang an eine populäre, niveauvolle Tageszeitung, die vor dem Krieg in Brünn redigiert wurde: „Lidové noviny“ (Volkszeitung).

Dann, nach dem 4. Schriftstellerkongreß 1967, dessen Verlauf von der Gruppe rund um die Wochenschrift inszeniert worden war, entzog das Regime Novotny die Zeitschrift dem Schriftstellerverband und unterstellte sie direkt der Partei, genauer: einem ihrer Kulturverbände, dem „Buch-Kulturzentrum“. Man weiß, daß der damalige Erste Sekretär der slowakischen KP Dubček dem Parteichef Novotny wegen dessen Behandlung des Konflikts mit den Intellektuellen schwere Vorwürfe gemacht hat, und einer der ersten Beschlüsse des neuen Regimes war es, dem Schriftstellerverband wieder die Herausgabe eines eigenen Wochenorgans zu gestatten. Um dem entsprechenden Parteibeschluß vom Herbst 1967 nicht (formell) zuwiderzuhandeln, nannte der Schriftstellerverband das neue alte Organ ein wenig anders und besetzte Herausgebergremium und Redaktion in der gleichen Zusammenstellung wie in der letzten Nummer der alten „Literární noviny“: Herausgeber waren (in Prag nennt man das Redaktionsrat) Brezovsky, Čivrný, Daněk, Hamšík (zugleich amtierender Chefredakteur), Hrabal, Hrubin, Jungmann (stellvertretender Chefredakteur), Klima (Leiter der publizistischen Abteilung), Kosík, Kundera, Moíjk, Neff, Otčenášek, Prochazka, Sotola (der letzte Erste Sekretär des Verbandes vor dem Kongreß), Spitzer (Slowake und während des Kongresses Chefredakteur der slowakischen Wochenschrift „Kulturný život“), Vodička, Vrba und als weiterer Stellvertreter des Chefredakteurs Ludvík Veselý. In der Redaktion arbeiteten außerdem Brousek, Igor Hájek, Karfík und Machonin, der Abteilung „Reportage“ stand Ludvík Vaculík vor, dem Ressort „Ausland“ Antonin J. Liehm.

Das Herausgebergremium in dieser Zusammensetzung war bereits das Produkt einer früheren Krise, als man es auf Drängen der Partei um einige als konservativ bekannte Schriftsteller erweitert hatte, um die Romanciers Brezovsky etwa und Otčenášek, aber auch um parteilose und literarisch progressive Autoren wie Hrabal. In der Nummer 16 verzeichnete das Impressum einen stillen, im Blatt selbst nicht kommentierten Wechsel des Chefredakteurs: anstatt Dušan Hamsik trat wieder Milan Jungmann das Amt an, und damit wurde der Zustand vor der erwähnten früheren Krise wiederhergestellt.

Die Anzahl der Namen im Redaktionsrat hatte selbstverständlich auch einen dekorativen Zweck. Als zum „Aktionsausschuß“ der Zeitschrift zugehörig muß man einen wesentlichen engeren Kreis benennen: Hamšík, Jungmann, daneben Klima, Liehm, Vaculík, und von den nicht der direkten Redaktion angehörenden den Philosophen Karel Kosík, Juraj Spitzer und den Romancier Milan Kundera (zugleich Mitglied des Zentralausschusses des Verbandes). Dieser engere Kreis plante für September die Herausgabe einer Tageszeitung, die „Lidové noviny“ heißen und wöchentlich als Literaturbeilage à la Times Literary Supplement die „Literární listy“ enthalten sollte.

Vor allem in einem Punkt unterschied sich die neue Wochenschrift des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes von der alten, die unter dem Regime Novotny erschienen war und sich mit diesem im andauernden Konflikt befunden hatte: die „Literární listy“ war viel mehr als die alte „Literární noviny“ politisch orientiert, nicht im Sinn einer Tagespolitik, auch nicht einer breiteren Kulturpolitik, sondern im Sinn einer prinzipiellen Analyse und Bestimmung der auf die eigene Gesellschaft anwendbaren sozialen Organisationsform.