Ludwig Rosenberg, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), ritt solo eine Attacke gegen die reichen Deutschen. Im kostspieligen Tiefdruck und auf Hochglanzpapier ließ er über die Gewerkschaftszeitung „Welt der Arbeit“ ein Pamphlet wider die „Märchentante der Unternehmen“ und für eine Beschneidung der Aufsichtsratstantiemen verbreiten.

Die „Märchentante“, wie der DGB-Chef das „Deutsche Industrie-Institut“ tituliert, hatte den Gewerkschaften Kontra gegeben auf ihre Forderung, die Aufsichtsratstantiemen auf 6000 Mark zu begrenzen. Das Sprachrohr der Industrie hatte auf Gewerkschaftssekretäre und Betriebsräte in deutschen Aufsichtsräten hingewiesen, die die gleichen Beträge kassieren wie ihre Kollegen aus Unternehmerkreisen und Banken.

Nur, so Rosenberg, die Gewerkschaftler sind moralisch gerechtfertigt, denn sie geben die Hälfte ihrer Bezüge für einen guten Zweck – an die Stiftung Mitbestimmung.

So weit, so gut. Doch die Moral ficht in der Wirklichkeit einen harten Strauß mit dem Gewinnstreben. Unternehmerkreise schätzen die Zahl der Gewerkschaftler in Aufsichtsräten auf 10 000, was zweifellos zu hoch gegriffen ist. Die Gewerkschaften vermuten, daß nicht mehr als 6000 Kollegen Tantiemen beziehen.

Diese 6000 Kollegen aber haben, nach einer Berechnung des Wirtschaftsmagazins „Capital“, noch nicht einmal den zehnten Teil ihrer Aufsichtsratsbezüge für die Moral abgezweigt. Die Stiftung kassierte im vergangenen Jahr von den Aufsichtsratsgenossen 1,7 Millionen Mark; das sind gerade 273 Mark pro Kopf.

Die Unternehmen entlohnen ihre Aufsichtsräte mal fürstlich und manchmal auch kleinlich. Ein gutes Aufsichtsratsmandat bringt gut und gern 100 000 Mark im Jahr, ein schlechtes nicht mehr als 2000 Mark. Nach vorsichtigen Schätzungen liegt der Durchschnitt der Aufsichtsratsbezüge bei den deutschen Aktiengesellschaften um 13 000 bis 15 000 Mark.

Die Höhe der Bezüge wird von den Unternehmen recht willkürlich festgelegt. Die höchsten Ausschüttungen kommen nicht von den größten Unternehmen.