Nach der sowjetischen Invasion: Politische Lehren für die NATO

Von Kurt Becker

Der sowjetische Einfall in die Tschechoslowakei hat dem im Dämmerlicht dahinsiechenden westlichen Bündnis über Nacht zu einer unverhofften Renaissance verholfen. Allenthalben und nirgendwo lauter als in Bonn ertönt der Ruf nach einer wirkungsvolleren Allianz. Aber wie lange wird das anhalten? Schon heute spürt man, daß der Elan rasch wieder zu versiegen droht.

Des Kanzlers Vorschlag beispielsweise, eine Gipfelkonferenz aller Mitglieder der NATO einzuberufen, um ihr neue Lebenskraft einzuhauchen, drückte eher Bonns herbe Enttäuschung über die sich neu auftürmenden Hindernisse in der Entspannungspolitik und die wieder ins Bewußtsein gerückte Unsicherheit in Mitteleuropa aus als einen erfolgversprechenden Ansatz zu europäischer Einigung. Das internationale Echo war dünn. Dabei bestünde aller Anlaß, im Lichte des Überfalls auf die Tschechoslowakei das Bündnis auf seine politische und militärische Lebenstüchtigkeit zu untersuchen. Mit dem flüchtigen Disput um Vorwarnzeiten und den Erfolgsnachweisen der Nachrichtendienste sollte es nicht sein Bewenden haben.

Dem Bündnis drängen sich politische Lehren auf. Selbst dort, wo sie den militärischen Bereich berühren, sind sie primär politischer Natur. Die wichtigste Lektion besteht darin, daß die westlichen Staaten wegen ihres alles andere überragenden Interesses an einer Politik des Ausgleichs mit dem Osten das Moskauer Interesse an dieser Entspannung und deren Eigenwert für das Sicherheitsbedürfnis der Sowjetunion überschätzt haben. Eine intakte NATO erweist sich damit als unentbehrlicher Rückhalt für die Politik des Brückenschlags. Diese Einsicht ist zwar eigentlich nicht neu, aber bei vielen vom Wunschdenken getriebenen Politikern ist sie in Vergessenheit geraten.

Die Diskrepanz zwischen der Einschätzung politischer Absichten und der militärischen Offensivkapazität der Sowjetunion besteht seit langem. Die Warnungen der Militärs jedoch blieben unberücksichtigt. Aber seit der Invasion beunruhigt diese Diskrepetanz, und der Schock wird sich auswirken auf die künftige Verteidigungspolitik, auf das Urteil über die Präsenz amerikanischer Truppen in der Bundesrepublik und über den Wert der militärischen Integration in der Allianz. Wenn auch niemand rückwirkend die Gefahr eines strategischen Überfalls beschwört, so bleibt doch Unbehagen zurück, daß das Bündnis so vorbehaltlos, wie dies geschehen ist, die potentielle Gefahr einer begrenzten Gewaltaktion vollkommen ignoriert hat.

Furcht vor Eskalation