Es ist über Alfred Weber als Nationalökonomen, Soziologen und Politiker in seiner Lebenszeit und nach seinem Tod schon viel Aufschlußreiches gesagt und geschrieben worden. Wenig ist dagegen gesagt über den Menschen und den Lehrer, und es scheint mir zu seinem Gedenken am 100. Geburtstag am richtigsten und wichtigsten, hier eine Lücke zu schließen. Denn Alfred Weber war in so vieler Hinsicht der heutigen Jugend in ihren Emotionen und in ihren Idealen verwandt, daß es vielleicht zweckdienlich sein kann, wenn diese Jugend der Hochschulen weiß, daß viele Probleme von heute vor dem Ersten Weltkrieg durch das Leben bedeutender Lehrer gelöst gewesen sind.

Es ist gewiß nicht so, daß die Universitäten von damals alle dem Ideal entsprochen hätten, das heute den Studenten vorschwebt. Es gab jene harten Autokraten, durch die sie sich beschwert fühlen; es gab in Berlin eine geheimrätliche Atmosphäre um die Ordinarien; aber Berlin war nicht identisch mit den Universitäten des ganzen Reichs. Wenn man, wie ich selbst es getan habe, die Universität der Exzellenzen verließ, so bot sich doch die Möglichkeit zu wählen zwischen Universitäten an, denn man wußte, daß für das geistige und für das studentische Leben andere Möglichkeiten bestanden als in der Hauptstadt des Reichs.

Das galt für München und das galt vor allem für Heidelberg, wo die unabhängigen Geister der Zeit sich zusammengefunden hatten und der Universität einen Namen und Ruhm verliehen, der weit über die politischen Grenzen und weit über den Atlantischen Ozean hinausreichte. Es wäre eine große Zahl von Namen zu nennen, wollte man aufzählen, wer alles von internationalem Rang sich damals in Heidelberg lehrend befunden hat. Aber von Nationalökonomen und Soziologen gab es und gibt es nur einen Namen, um den sich die Jugend geschart hat: Alfred Weber.

Daß die Studenten sich tatsächlich um einen Menschen in jedem Fach scharen konnten, lag sowohl daran, daß die Zahl der Studenten winzig klein war verglichen mit den heutigen Zahlen aller Universitäten, und lag zum anderen daran, daß eine sehr große Zahl der Dozenten in allen Fächern verhältnismäßig eng mit ihren Studenten im Seminar zusammenarbeiteten und daß sie auch auf die persönliche Begegnung und Beziehung einen starken Wert legten. Als ich zum erstenmal nach Heidelberg fuhr – es war im März 1912 –, um mit dem Verfasser der industriellen Standortlehre mich zu unterhalten und um festzustellen, ob eine Promotion bei ihm für Lehrer und Schüler angezeigt erscheine, da trat mir Alfred Weber, damals Mitte der Vierzig stehend, mit einer Herzlichkeit und mit einer Jugendlichkeit entgegen, die ich in allen Jahren, auch wenn wir manchmal in rechtem Zwist miteinander gestanden haben, nie vergessen konnte und die bis zu seinem Tod uns verbunden hat.

Vielleicht war er von den Dozenten, die ich in München, in Berlin und in Heidelberg kennenlernte, überhaupt der impulsivste und derjenige, der sich am stärksten mit allen Fragen beschäftigte, die die Jugend bewegten. Es war die Zeit, in der die Freien Schulgemeinden von Lietz, von Wyneken und von Geheeb einen großen Teil der Studenten herangebildet hatten. Alfred Weber war mit allen Leitern in Verbindung getreten, dachte nach und entwarf selbst Pläne für eine Neugestaltung des Erziehungswesens, überzeugt davon, daß an der Schule die Neugestaltung beginnen müsse, nicht an der Universität, hierin wie in vielen anderen Punkten belehrt durch eine sehr genaue Kenntnis von Nietzsches Schriften und Forderungen.

Diesem ersten Gespräch sind in den folgenden Semestern unzählige andere gefolgt, bald bei ihm zu Hause, bald auf großen Wanderungen, bald bei langen Diskussionen in der Anlage, die sich an das Kolleg anschlössen, bald im Anschluß an Referate, die an den soziologischen Diskussionsabenden gehalten wurden. Manchmal sind wir Tag für Tag im Anschluß an sein Kolleg zu dritt oder viert mit ihm von der Universität bis zum Europäischen Hof und wieder zurück und abermals hin und zurück gewandert und haben so lange diskutiert, daß das Mittagessen für ihn und für uns schon längst vorüber war. Oft gab es dabei sehr friedlichen Zusammenklang, oft kam es zu so hitzigen Auseinandersetzungen, daß er uns für unbelehrbar erklärte und mit schnellen Schritten uns verließ, um am nächsten Tag nach dem Kolleg wieder auf uns zu warten.

Jedes Kolleg bot reichlichen Diskussionsstoff; denn Weber hat wohl nie ein Kolleg zweimal in gleicher Form und mit gleichen Worten gehalten. Er brachte einige Zettel mit, die er mal hervorholte, mal wieder vom Pult herunterstieß, so daß sie durch den Hörsaal flatterten. Aber ob mit oder ohne Zettel, er sprach frei; und er sprach, gleichviel welchen Gegenstand er behandelte, mit Leidenschaft. Es gab wohl kein Kolleg damals in Heidelberg, bei dem so viel getrampelt oder gescharrt wurde, je nachdem ob das Auditorium mit diesen leidenschaftlich herausgeschleuderten Sätzen einverstanden war oder seinen Widerspruch anmelden wollte. Der Inhalt hat dadurch gewechselt, nicht weil Weber an der einmal vorhandenen Form seines Kollegs weiterarbeitete, sondern weil er immer die neuen Probleme der Zeit studierte und sein Kolleg durch die Behandlung dieser Probleme – bald waren sie wirtschaftlicher, bald politischer, bald soziologischer, bald sogar technischer Natur – zu einem vielumstrittenen und gern gehörten Kranz von Vorträgen gestaltete.