Die Invasion begann bei Nacht und Nebel. Sie sollte das Land hermetisch gegen die Außenwelt abschirmen, die Besetzung zu einer in jedem Sinn des Wortes „inneren Angelegenheit“ des sozialistischen Lagers machen.

Aber fast vom ersten Augenblick an war Prag, war die Tschechoslowakei „allgegenwärtig“. Seit dem 21. August vergeht kein Tag, an dem nicht unsere Zeitungen voll sind von Berichten und Bildern, an dem sich nicht die Nachrichtensendungen der Rundfunk- und Fernsehstationen auswachsen zur ausführlichen Berichterstattung über die Vorgänge in der Tschechoslowakei. Es hat den Anschein, als ginge da kein Mauerspruch verloren, als bliebe kein Aufruf, keine Diskussion mit den sowjetischen Soldaten dem verborgen, was man Öffentlichkeit nennt.

Der Kampf der Okkupationstruppen war so von Anfang an auch ein (bisher) hoffnungsloser Kampf gegen unzählige Kleinkameras, gegen Mikrophone und Transistorradios. Eine Strategie installierter und überlisteter Störsender begann, tschechische Stationen Wechselten Standort und Frequenz, Touristenautos schmuggelten Filmdokumente aus dem besetzten Land. Wenn in den letzten Tagen viel davon die Rede war, daß die Tschechen und Slowaken den Besatzungstruppen waffenlos entgegentreten, so ließe sich nur wenig überspitzt sagen, daß sich Kameras und Mikrophone, Kleinradios und Funkamateurgeräte als eine ganz und gar nicht zu unterschätzende Waffe der Resistance erwiesen haben.

Daß dies so ist, hat das Fernsehen der DDR gegen seinen Willen bestätigen müssen. Was es zeigte, waren vor allem ebenso verzweifelte wie zwangsläufig zynisch wirkende Reaktionen auf die ungehemmte, nicht zu hemmende Informationsflut, die bei uns den Zuschauer zum Augenzeugen machte. Und was es nicht zeigte, waren Bilder vom Schauplatz selbst. Die Berichterstattung blieb da merkwürdig „abstrakt“ und kahl. Sie mußte sich in die offiziösen Verlautbarungen und ihre bildkräftigen Verbalinjurien retten, die den Höllenpfuhl der Konterrevolution ausmalten, weil er offenkundig direkt nicht zu zeigen, war.

Läßt das den Schluß zu, man könne einen Coup, wie ihn die Sowjetunion plante, nicht mehr so veranstalten, daß Verlautbarung und Wirklichkeit sich nicht ständig Lügen strafen? Hatten Zukunftsvisionen vom „Großen Bruder“ gerade die Allmacht totalitären Vorgehens auch mit der Omnipräsenz der Propagandainstrumente begründet, die noch in die kleinste, entfernteste Hütte die Stimme der Zentrale durchsetzen könnten, so zeigte sich jetzt, daß die publizistische Durchdringung einer politischen Landschaft auch in das Gegenteil des gewünschten Effekts umschlagen kann.

Gewiß, die Tschechoslowakei liegt in Zentraleuropa. Aber haben nicht beispielsweise die Amerikaner mit der Berichterstattung über Vietnam auch den Bazillus des Widerstandes gegen ihre Vietnam-Politik mit verbreitet? Die Sowjettruppen, die sich aufgemacht hatten Kollaborateure zu suchen, waren dann, womit sie sicher nicht gerechnet hatten, vorwiegend damit beschäftigt, Informationskanäle verzweifelt zuzustopfen.

Da sie selbst, soweit man das hier für die DDR verfolgen konnte, dürre, wenn auch wortreiche offiziöse Verlautbarungen an die Stelle von Filmen, Bildern, Augenzeugenberichten setzten – sind Bilder dann, wie wir manchmal angesichts des alten Mütterchens und des kinderstreichelnden Landesvaters glauben zu müssen meinten, doch nicht nur ein willfähriges Instrument der Propaganda?

In der ČSSR der letzten Tage schienen sie eine Authentizität erreicht zu haben, die sich offenkundig nicht mehr beliebig manipulieren läßt. Hellmuth Karasek