Von Kai Hermann

Prag, Ende August

Sie konnten es so wenig glauben wie die Hiobsbotschaft eine Woche zuvor. Als die Prager am Dienstagmorgen in banger Erwartung aufwachten – nach der ersten Nacht, in der die sowjetischen Maschinengewehre geschwiegen hatten –, da erfuhren sie von ihren illegalen Rundfunksendern: Die Partei- und Regierungsdelegation ist aus Moskau abgeflogen.

Sie wollten es noch immer nicht glauben, als die sowjetischen Panzer an der Burg abzogen, als am Präsidentensitz wieder die blau-rot-weiße Fahne der tschechoslowakischen Republik aufgezogen wurde.

Das Gerücht ging durch die Stadt, die Führer der Partei kämen in die Parlamentskanzlei. Einige tausend Menschen drängten sich auf dem engen Gorki-Platz. Erst als sie die grauen Haare des Parlamentspräsidenten Smrkovsky in einem Tatra entdeckten, brach der Jubel los. Frauen und Männer weinten. Es waren Tränen der Freude. Smrkovsky würde mit Rosen beworfen. Man ließ ihn immer wieder hochleben, skandierte den Kampfruf der vergangenen sechs Tage: "Dubček – Svoboda."

Doch der gefeierte Mann schien sich zum Lächeln zwingen zu müssen. Nur für Sekunden zeigte er sich noch einmal an einem Fenster. Auf die Frage eines Reporters, wie er über die Moskauer Vereinbarungen denke, sagte er müde: "Es fällt mir schwer zu anworten." Dann fügte er hinzu: "Ich verbeuge mich vor diesem Volk."

Einige Stunden später war es die Aufgabe von Präsident Svoboda, seinem Volk die halbe Wahrheit zu sagen: das Moskauer Kommuniqué bekanntzugeben.