Von Ernst Fischer

Ernst Fischer, ZK-Mitglied der KPÖ, gehört zu den prominentesten Verfechtern eines freiheitlichen Kommunismus.

Wien, im August

Hier die moralische Größe eines kleinen Volkes –, dort die Gewalt massiver Großmachtpolitik – das war, das ist die Situation.

Die Tschechen und Slowaken: Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, Kommunisten, Sozialisten, Männer und Frauen aller Berufe, Parteien und Konfessionen verteidigen in beispielloser Einmütigkeit das menschliche Gesicht des Sozialismus, ihre Freiheit und Menschenwürde. Ruhm und Bewunderung ihnen, die einer Übermacht so unerschrocken und so klug Widerstand leisten. Trauerndes Verstummen vor einer Parteiführung, die tagelang unter furchtbarstem Druck versucht hat, das Schlimmste abzuwenden, ein unabsehbares Blutvergießen zu verhüten.

Es ist für jeden Kommunisten erschütternd, daß es nicht etwa ein kapitalistischer Staat war, sondern die Sowjetmacht, die ein kleines sozialistisches Land bei Nacht und Nebel überfiel. Denn jeder Kommunist fühlt sich zutiefst mit dem Sowjetvolk verbunden, mit diesem Volk, das so viele Opfer gebracht, so viele Entbehrungen erduldete und das den Sieg über Hitler mit Millionen Toten bezahlt hat.

Diese Verbundenheit mit dem Sowjetvolk macht es doppelt zur Pflicht, den Bruch des Völkerrechts durch die sowjetische Staats- und Parteiführung, ihren Verrat an den Grundsätzen des Sozialismus zu verurteilen. Lenin hat die Souveränität aller Völker – ja sogar ihr Recht zur Loslösung von der Sowjetunion – als sozialistisches Prinzip anerkannt. Die Panzer der Epigonen haben dieses Prinzip zermalmt.