Gerhard Szczesny (Hrsg.): „Club Voltaire III. Jahrbuch für kritische Aufklärung“; Szcesny-Verlag, München; 393 Seiten, 22,50 DM.

Die internationale Diskussion mit dem Marxismus stand in den letzten Jahren nicht mehr unterm Vorzeichen des kalten Krieges. Man wollte den ideologischen Gegner nicht mehr bloß widerlegen oder bekehren, sondern war auf der Suche nach Kooperation und wechselseitiger Ergänzung. Die auffälligsten Begegnungen gab es bisher zwischen Christen und marxistischen Denkern: die Tagungen der Paulus-Gesellschaft in Salzburg, Herrenchiemsee und Marienbad waren diesem Gespräch gewidmet, und die Wiener Zeitschrift „Neues Forum“ wurde zu seinem publizistischen Organ.

„Dieser erfreuliche Dialog ist für die Klärung der entscheidenden Probleme jedoch nach Inhalt und Wirkung von begrenzter Bedeutung“, schreibt Gerhard Szczesny im Vorwort zum dritten Band des Jahrbuchs für kritische Aufklärung „Club Voltaire“, denn: „Die evangelischen und katholischen Christen vertreten, soweit sie bewußt von ihrem Glauben her argumentieren, nur eine Minorität der heutigen Bewohner der westlichen Hemisphäre. Das heißt, ihr Votum läßt die Frage nach den Möglichkeiten und Konsequenzen einer Konfrontation zwischen dem Kommunismus und der nicht nur nichtkommunistischen, sondern auch nichtchristlichen Mehrheit unbeantwortet.“

Solche Bedenken sind übrigens auch von engagierten kirchlichen Dialogikern bereits formuliert worden, etwa von dem katholischen Theologen Johann Baptist Metz: „Ob wir Theologen oder Marxisten sind – haben wir die Gesellschaft noch hinter uns? Ist unser Dialog noch typisch für die Gesellschaft von morgen?“ Noch drastischer umschrieb der protestantische Theologe und Ernst-Bloch-Interpret Jürgen Möllmann das Dilemma: „Vielleicht sagt die Welt: Hier streiten sich zwei alte Tanten – Christentum und Marxismus –, was geht mich das an?“

Der vorliegende Band erweitert in diesem Sinne den Dialog mit dem Marxismus. In ihm kommen neben Marxisten wie Eric Hobsbawm, Lucio Lombardo-Radice, Agnes Heller, Rudi Supek, Wolfgang Abendroth, Ernst Fischer, Milan Machovec und Karel Kosik hervorragende Vertreter jenes dritten, weder christlichen noch marxistischen Denkens zu Wort, das der Auseinandersetzung mit dem Marxismus neue Akzente verleiht: Es sind dies politisch Liberale, philosophisch Anhänger des logischen Positivismus oder einer dialektischen Anthropologie, religiös indifferente oder doch den bestehenden Kirchen distanziert gegenüberstehende unabhängige Wissenschaftler und Publizisten.

Bemerkenswert sind Paul Feyerabends Überlegungen „Von den Vorurteilen des kalten Krieges“, Karl Steinbuchs und Ossip K. Flechtheims futurologische Gedankengänge, Ludwig Marcuses mit charmanter Aggressivität vorgetragene Kritik an der bundesdeutschen Linksromantik mit speziellen Hinweisen auf die Frankfurter Soziologenschule, ferner Ernst Topitschs erhellende Ausführungen über „Atheismus und Naturrecht“ sowie ein Gespräch zwischen Willy Hochkeppel und dem Philosophen Rudolf Carnap. Ein Juwel für sich bilden die Meditationen von Eugene lonesco über das große Staunen am Anfang alles künstlerischen Schaffens, über die Integrität des Kunstwerks und die Antinomien der Kritik.

Von den marxistischen Autoren seien besonders hervorgehoben Rudi Supek, Chefredakteur der hierzulande leider viel zu wenig gelesenen (inzwischen eingegangenen) Zagreber Zeitschrift „Praxis“, und Milan Machovec von der Universität Prag. Was diese beiden Denker, die stellvertretend für eine ganze Gruppe undogmatischer Neomarxisten stehen, in ihren Beiträgen formuliert haben, kann spätestens seit dem Prager Frühling dieses Jahres nicht mehr als Eigenbrötelei esoterischer Einzelgänger abgetan werden. Sie haben vielmehr Forderungen ausgesprochen und lange verschollene Motive vor allem des jungen Marx aufgegriffen, deren politische Implikationen gerade in den letzten Wochen und Monaten offenbar geworden sind. Den Beitrag von Milan Machovec, in dem nach der Transzendenz, nach dem Sinn des Lebens und einer anspruchsvollen Ethik gefragt wird, kann niemand übergehen, der wissen will, welche geistigen Kräfte die politische Erneuerung der Tschechoslowakei inspirierten.