Von Wolfram Siebeck

Kunstfreunde stehen vor einem großen Dilemma. Gestern noch lebten sie gemütlich mit Bacon und Mondrian, begriffen, was Lichtenstein will, und ahnten sogar die Absicht von Yves Kleins Monochromen. Aber auf einmal ist das alles nur kulinarische Malerei, Ästhetik von gestern, Museumskunst. Brrrr...

Heute dagegen ist eine der wichtigsten Kunstgattungen der „Umraum“. Sinn und Bedeutung des Umraums liegen, so lassen uns die Experten wissen, ausschließlich in der Begegnung des Betrachters mit seinen eigenen Gefühlen, die durch den für ihn gestalteten Raum hervorgerufen werden.

Ich bin in der glücklichen Lage, ziemlich früh einige Umräume erworben zu haben (insgesamt 158 qm ohne Garage). Schon damals hatte ich manchmal das Gefühl, daß die Gefühle, die durch meine Umräume hervorgerufen werden, mehr sind als bloße Feststellungen wie „Hier zieht’s aber gewaltig“ oder „Wer hat denn diesen Dreck hier reingeschleppt?“. Durch zeitgenössische Kunstkritik weiß ich jetzt, daß meine Zweifel berechtigt waren.

Nehmen wir an, ich betrete den ersten Umraum durch die Haustür. Sofort nimmt mich der Raum in sein dreidimensionales Bild. Vor mir sehe ich, an Haken hängend, verschiedene Objekte; Mäntel zumeist, dazwischen ein Schirm, eine oder zwei Mützen. Assoziationen an Reinigung und Knopfannähen drängen sich auf. Aber Assoziationen sind verdächtigt. Signale sind es, die Objekte an der Wand, nicht mehr und nicht weniger.

Nachdenklich gehe ich in den anschließenden Umraum. Hier ist alles anders. An den Wänden hängen keine Signale, sondern – du liebe Güte! – Bilder. Üble Relikte kulinarischer Kunst, zu musealem Beisammensein gezwungen. Gott sei Dank gibt es auch ein Sofa. Da setze ich mich schnell und überlege, wie ich dazu komme, mit diesen alten Schinken zu leben. Und das, genau das ist wiederum der Sinn dieses Umraums, daß ich nämlich meinen Gefühlen begegne, die durch ihn hervorgerufen werden. Schlau, was?

Eine Überraschung erwartet mich, als ich die Klinke zum nächsten Umraum herunterdrücke. Die Tür ist verschlossen. Toll! Ist zu, geht nicht auf! Ein funktionsloser Meilenstein, an dem kein Vorbeikommen ist. Da faßt man an die Kellertür, und man hat das Gefühl, die Tür ist verschlossen! Das ist doch irgendwie zeitgemäßer als diese Komplikationen, die man früher mit einem Max Ernst hatte.