Von Ulrich Schiller

Moskau, Ende August

Um ein Uhr nachts waren wir noch einmal die Ausfallstraße zum Flughafen Wnukowo entlanggefahren. Verkehrspolizisten, mehr als zu dieser Stunde sonst üblich, standen an den Kreuzungen. Das war ein Beweis, daß die tschechoslowakische Delegation noch nicht abgereist war. Der TASS-Fernschreiber gab um 2.45 Uhr noch einmal die Zeit an, dann schwieg er.

Erst um 7.30 Uhr Moskauer Zeit lief er wieder an und gab in lakonischer Kürze das Ende der Verhandlungen und die Abreise der Delegation unter Präsident Svoboda bekannt. Seit über dreißig Stunden hatte TASS das dramatische Treffen im Kreml überhaupt nicht mehr erwähnt. Mit Svoboda flogen Parteichef Dubček, Ministerpräsident Cernik und Parlamentspräsident Smrkovsky nach Prag; dem Blick der Öffentlichkeit entzogen, so wie sie hergekommen waren.

In Gewahrsam genommen von den Besatzungstruppen, wahrscheinlich zu ihrer eigenen Überraschung plötzlich Präsident Svoboda gegenübergestellt, waren sie an den Verhandlungstisch gebracht und als Unterschriftspartner ihren Richtern gegenübergesetzt worden, die sie in einem – am Tage nach der Invasion in der Prawda veröffentlichten – Parteidokument als rechtsopportunistische Abweichler und Verräter an den Beschlüssen von Bratislava qualifiziert hatten. Niemals waren die drei in den Verlautbarungen der TASS-Agentur als Teilnehmer an den Verhandlungen erwähnt worden. Es war immer nur von der Delegation unter Präsident Svoboda die Rede.

Es waren Tage einer ungeheuren Spannung, Tage der Wahrheit, von der die kommunistische Welt bis in den letzten Winkel erfaßt wurde. Die Situation zwang zur Offenbarung. Der Widerstand in der Tschechoslowakei war auf die Dauer auch in der Sowjetpresse nicht zu verheimlichen.

Die Bürger der Sowjetunion waren ihrem eigenen politischen Gewissen ausgesetzt, das um so mehr an ihnen nagte, je größer der zeitliche Abstand vom militärischen Überraschungsschlag wurde, je mehr die amtliche Version von den „Schutzmaßnahmen“ gegen die Konterrevolution hinter der in allen sowjetischen Korrespondentenberichten auftauchenden Frage der Tschechoslowaken verblaßte: Warum seid ihr hierher gekommen?