Von Rolf Zundel

Bonn, Ende August

In Bonn ist dieser Tage viel von zerstörten Illusionen die Rede. Aber alle, die davon sprechen, wollen diese Illusionen nicht gehabt, sondern andere davor gewarnt haben. Es wird auch oft davon geredet, daß die deutsche Ostpolitik im Lichte der tschechoslowakischen Ereignisse grundsätzlich neu überdacht werden müsse. Nur das Ergebnis dieses Nachdenkens hat bisher nicht dazu geführt, daß die alten Differenzen zwischen CDU/CSU und SPD nun mit besonderer Schärfe akzentuiert werden, und bisher ist auch keine Kehrtwendung der deutschen Außenpolitik festzustellen.

Erstaunlich an der Bonner Reaktion auf die Invasion der Tschechoslowakei waren zunächst zwei Tatsachen: Erstens, wie geschlossen die Große Koalition samt der Opposition reagiert hat, zweitens, wie gering der Rückschwung des politischen Pendels in Richtung auf den Kalten Krieg war.

Nicht zuletzt scheint es das Verdienst von Kiesinger und Barzel zu sein, daß die bei einigen christlich-demokratischen Politikern vorhandene Neigung, sich von der Welle der Empörung wieder zum blinden und undifferenzierten Antikommunismus zurücktragen zu lassen, schon in den Anfängen entscheidend gebremst wurde. Ein paar Anzeichen für diesen Trend wurden sichtbar, so etwa als der Bayern-Kurier, das Sprachrohr von Franz Josef Strauß, in hämisch wirkender Rechthaberei feststellte, nun habe der Kommunismus sein wahres Gesicht gezeigt – ganz so, als ob es in Prag keine Kommunisten, sondern nur Konterrevolutionäre gegeben hätte. Einige andere Christliche Demokraten, so etwa Bundestagspräsident Gerstenmaier, benutzten die Gelegenheit, um sich wieder einmal in der schimmernden Wehr der Gesinnungsethik zu zeigen.

Im ganzen aber haben die Vertreter der Bundesregierung in ihren ersten Äußerungen ein für deutsche Verhältnisse nicht gerade selbstverständliches Maß an Würde und politischer Klugheit gezeigt. Würde insofern, als an der Verurteilung der Aggression und an der Sympathie für die Tschechen kein Zweifel blieb; Klugheit deshalb, weil in Worten und Taten alles unterlassen wurde, was einer politischen Lösung des Konflikts im Wege stünde.

Für die Zukunft sind keine Brücken abgebrochen worden; aber es wird einige Zeit dauern, bis man sie wieder betreten wird. Barzel und Kiesinger haben zunächst einmal, unter anderem auch mit Zustimmung von Schröder, durchgesetzt, daß es in der CDU/CSU nicht zu negativen Festlegungen kam, etwa der Art: grundsätzlich keine Ministergespräche mehr und grundsätzlich keine Unterzeichnung des Atomsperrvertrags. Zwar ist die Meinung bei den Christlichen Demokraten einhellig, daß Ministergespräche im Augenblick aus psychologischen Gründen nicht möglich und politisch nutzlos, vielleicht sogar schädlich sind. Die CDU-Führung stellt aber offenbar in Rechnung, daß der Augenblick wiederkommen wird, wo Gespräche nützlicher sein können als Proteste.