Sonntag, 18. August, ARD: „Titel, Thesen, Temperamente“ / Eine Tagesschau! Montag, 19. August, ARD: „Ulmer Ergebnisse – Zum Mongolismus“, Dokumentarfilm von Klaus Werner.

Nur für Reporter Maegerlein war wieder einmal alles groß, die Gegnerin groß und groß der Kampf und der Favorit ohnehin groß – ansonsten nahm sich die mit dem 21. August jäh abbrechende Woche, unter artistischen Aspekten, noch nicht einmal durchschnittlich aus, sondern wiederholungsreich und sommerlichmürrisch: ein bißchen Bizeps und ein bißchen Josef von Baky. Das Gute kam spät, das Beste zur Mitternachtszeit, das Schlimmste auch, die Nachricht vom Einmarsch; die Bilder aus der ČSSR dominierten; als ich sie anschaute, erinnerte ich mich dreier Szenen, die plötzlich Kommentarcharakter gewannen.

Zunächst: Der Buchladen von Ellison Ellis, Chikago, in dem die Kamera keine Bücher von weißen Schriftstellern, Probleme der Weißen behandelnd, entdeckte. Da gab’s kein Griechenland, kein Rom, kein Versailles und kein Weimar, da ging’s um Afrikas Beitrag zur Zivilisation, schritt Malcolm X auf Posters im weißen Gewand, verlangte King Frieden, Carmichael Gewalt, da dozierte ein freundlicher Neger im Laden von Ellison Ellis über Selbstachtung und geschichtliche Besinnung der Schwarzen. Eine Gegenposition leuchtete auf: Gedruckt in Wittenberg bei Hans Lufft, in Vertrieb genommen bei Ellison Ellis, Chikago; nichts mehr von papistischem Aberglauben, nichts mehr von weißer Selbstherrlichkeit.

Sodann: Ein Fluß in Südvietnam, ein Vietcong-Partisan, zwei Soldaten, die, wie der Reporter sagt, zu den Regierungstruppen gehören. Die zwei fassen den einen beim Kragen und stoßen das Gesicht in den Fluß. Bis zu den Ellbogen sind die Arme im Wasser, der Gefangene ist nicht mehr zu sehen, nur noch der Fluß und die gebückten Leiber der beiden Soldaten. Nach sehr langer Zeit taucht der Partisan wieder auf, einmal muß er doch sprechen, die Sache des Westens ist gut, wir tun unsern Job, manche freilich sind tot, wenn der Druck unserer Hände lockerer wird. (Das Gesicht des Gefolterten erinnerte an das Antlitz jenes ukrainischen Bauern – in der Sekunde, da man ihm den Strick um den Hals legt –, dessen Todesangst vor kurzem in Michail Romms Film dem Zuschauer Schrecken einjagte.) In dieser Weise etwa hätte man vor 2000 Jahren in Rom den Kreuzestod Christi gezeigt – als eine Tagesschau-Nachricht über eine Folterung irgendwo in der Provinz: ein Kreuz, ein Mann, ein paar Leute.

Schließlich: Eine Frau, füllig, bebrillt und kleinbürgerlich, am Grab ihrer Tochter, die war mongolid gewesen. So was vererbt sich, hat die Nachbarin gesagt, schauen Sie unter Ihren Vorfahren nach, vererbt sich nicht, hab’ ich erklärt, wohl hundert Male, aber sie hat’s nicht geglaubt, und was sage ich Ihnen, fünf Kinder hatte sie schon, da kam ein sechstes und war mongolid, war aber kein Mädelchen, sondern ein Wolf, so geht das nun einmal, aber sie hat’s doch geliebt.

Ein meisterlicher, ein humaner und bewegender Film des Instituts für Filmgestaltung in Ulm: Klaus Werners Dokumentation „Zum Mongolismus“. Die Arbeit der Lehrer, Mühe und Lohn, und das Lernen der Kinder, das Zählen und Farbe-Erkennen und Sätze-Nachsprechen, wurde in Bildern von behutsamer Eindringlichkeit illustriert. „Ich bin ein gutes Kind“, sagte ein Junge, den vor dreißig Jahren Männer getötet hätten, die so unscheinbar aussahen wie die beiden Soldaten im Fluß, sehr weit entfernt von der Ulmer Förderschule und der Buchhandlung des Ellison Ellis, verbündet aber den Invasoren von Prag.

Momos