Von Heinz-Günter Kemmer

Eine Stunde vor Mitternacht glaubte man den Ruhrbarden Jürgen von Manger durch den Lautsprecher zu hören: „Also ährlich, wolln mal sagen, is ja schon ganz schön spät geworden.“ Spätestens in diesem Augenblick wurde klar, daß aus der Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke eine Tragikomödie geworden, daß es den opponierenden Aktionären wie der Verwaltung nicht gelungen war, ihren Part mit dem nötigen Ernst durchzuspielen.

Die ersten komischen Akzente hatte der Darmstädter Kohlenhändler und Daueropponent Erich Nold gesetzt. Vor dem Essener Saalbau, dem Schauplatz der Handlung, ließ er ein „Extrablatt“ seiner „Notgemeinschaft der Rheinstahlaktionäre“ verteilen und erbat darin einen Beitrag von 50 Pfennig je Exemplar. Kommentar des Herausgebers: „Für die Scheißinserate, die Presse schenkt mir ja nichts.“

Immerhin wurden die rund 3000 Aktionäre und Gäste auf diese Weise schon vor Beginn der Hauptversammlung mit dem vertraut gemacht, was sie später erwartete: Opposition bekannten Stils – mit harten Worten und wenig Sachkenntnis, mit Quantität, die über fehlende Qualität nicht hinwegtäuschen konnte. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Nie war Opposition so berechtigt wie in dieser Rheinstahl-Hauptversammlung, nie aber auch wurde eine Chance so vertan.

Die bekannten „Berufsopponenten“ Nold, Fiebich und Onnasch, die komischen Helden vieler Hauptversammlungsschlachten, taugen eben nur zur Klamotte, mehr liegt ihnen ganz offensichtlich nicht. Nold führte sich mit einem Katalog von über achtzig mehr oder weniger unerheblichen Fragen selbst ad absurdum; Fiebich reagierte wieder einmal seinen fast manischen Haß gegen die Gewerkschaften und die Mitbestimmung ab – von seinen Mitaktionären mit frenetischem Beifall bedacht; Onnasch erntete allenfalls ein mildes Lächeln, als er sich mit dem Versprechen einer Umsatzrendite von vier Prozent für die Wahl in den Aufsichtsrat empfahl.

Was darüber hinaus an substantiierter Kritik vorgetragen wurde, ging im Trubel der Versammlung unter. Als der Aufsichtsratsvorsitzende Professor Müller-Armack um 23.57 Uhr mit einem Seufzer der Erleichterung die Versammlung nach fast vierzehnstündiger Dauer schloß und die etwa sechshundert bis zum Ende ausharrenden Aktionäre müde und abgespannt den Heimweg antraten, hatte der Volkskapitalismus eine Schlacht verloren. Das Schmierenstück war den Eintrittspreis – Dividendenausfall für 1967 – nicht wert; der Lunchbeutel aus Kunstleder nur eine unvollkommene Entschädigung.

Der Aufsichtsratsvorsitzende glich einem Regisseur, der das Drehbuch nicht kennt. Er hatte die Handlung nicht im Griff, eine durchaus verständliche physische Ermattung kam später hinzu. Zum Schluß hatte man den Eindruck, daß ihn nur noch das Ende der Hauptversammlung interessierte. Drohungen der Aktionäre mit Anfechtungsklagen – die möglicherweise zu einer Wiederholung zwingen können – schreckten ihn nicht mehr. Mit dem Mut der Verzweiflung forderte er die Opponenten auf, doch getrost Protest zu Protokoll zu geben.