Wolf Graf Baudissin, Generalleutnant a. D., war bis zum 31. Dezember 1967 stellvertretender Chef des Stabes für Planung und Grundsatzfragen beim Oberbefehlshaber der NATO für Europa.

ZEIT: Hat die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei und ihre Vorbereitung durch großangelegte Manöver – den größten seit 1945, wie Moskau verkündete – der NATO neue Verteidigungsprobleme aufgezwungen?

Baudissin: Eine Lehre ist, daß die Sowjets noch immer bereit sind, politische Probleme mit Brachialgewalt zu lösen, wenn Aussicht besteht, dies ohne Risiko zu erreichen. Militärstrategisch hat die Intervention und ihre Anlage für die NATO keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse gebracht. Ich möchte davor warnen, die Tschechoslowakei, was für manche nahegelegen hat, mit der Bundesrepublik gleichzusetzen.

ZEIT: Ist die These der NATOvon den längeren Vorwarnzeiten dadurch, daß der Einfall in die Tschechoslowakei sich übergangslos an die Manöverbewegungen anschloß, erschüttert worden?

Baudissin: Ich meine, daß die Vorwarnzeit unter drei Aspekten gesehen werden sollte.

Der erste Aspekt ist rein technischer Natur. Ein Aufmarsch aus der Tiefe ist schwer zu erfassen. Läßt man einmal die Möglichkeiten des frühzeitigen Erkennens durch den amerikanischen Aufklärungssatelliten Samos, dessen Leistung sich mit jedem Jahr verbessert, beiseite, dann scheint heute eine sichere Analyse nur bei Manövern möglich zu sein, wenn die Truppe Fernmeldegeräte benutzt. Die Tarnung ist aber möglich.

Allgemein läßt sich sagen, daß die Vorwarnzeit mit dem Umfang des Aufmarsches wächst. Je mehr Verbände ihren Friedensstandort verlassen, desto markanter ändert sich das allgemeine Bild, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, daß einzelne Details erkannt werden. Wenn, wie vielfach behauptet wird, der Aufmarsch größere Angriffshandlungen hätte ermöglichen sollen, dann hätte es auch größere Bewegungen bei den anderen Teilstreitkräften – Luftwaffe und Marine – geben müssen.