Nur wer die Propagandaphrasen gegen das „kapitalistische System“ ernst nimmt, wird glauben, für die Wirtschaft gelte auch angesichts der dramatischen Ereignisse in Prag die Devise Business as usual. Zwar war die Reaktion an den Effekten- und Devisenbörsen besonnen (siehe Seite 19: „Als die Sowjets einmarschierten“), zwar gab es diesmal anders als bei früheren weltpolitischen Krisen keine Hamsterkäufe von Lebensmitteln und Benzin, aber der Schock sitzt doch tief. Aus vielen Ländern gehen in Leipzig Absagen ein, Aussteller wollen sich nicht mehr an der Messe beteiligen, manche ständigen Besucher werden diesmal fernbleiben.

Für spontanen moralischen Protest wird jeder nur Respekt empfinden können. Dennoch muß es erlaubt sein, die Frage nach dem politischen Nutzen zu stellen. Wer würde Vorteile daraus ziehen, wenn es zu einer Reduzierung der Handelsbeziehungen mit den kommunistischen Staaten, zu einem Boykott von Messen kommen würde?

Im Falle der Tschechoslowakei beantwortet sich diese Frage von selbst. Die zunehmende Zerrüttung der Wirtschaft hatte mit dazu beigetragen, daß sich im Januar die Reformer durchsetzen konnten. Jedem Einsichtigen war klar, daß der Umbau der tschechoslowakischen Industrie nach den Vorschlägen von Ota Sik und seinen Freunden Jahre dauern wird, daß nicht nur keine schnellen Erfolge zu erwarten waren, sondern im Gegenteil alte Schwächen noch deutlicher sichtbar werden und neue Störungen auftreten mußten. Nun hat die Okkupation die Lage noch weiter verschlechtert: der Produktionsapparat läuft nur noch mit halber Kraft, die ökonomischen Schäden sind noch gar nicht abzusehen. Da direkte Wirtschaftshilfe des Westens zumindest vorläufig nicht möglich ist, bleiben enge Handelsbeziehungen die einzige Unterstützung, die wir gewähren können.

Niemand kann heute sagen, ob der Reformkurs wenigstens im Bereich der Wirtschaft fortgesetzt werden kann, ob es noch Chancen für eine „sozialistische Marktwirtschaft“ gibt – immerhin haben die Okkupationsmächte Ota Sik beschuldigt, er betreibe die „Wiederherstellung des Kapitalismus“. Ein ökonomischer Rückzug des Westens aber müßte in jedem Falle die Aussichten der Pragmatiker vermindern, sich gegenüber starren Ideologen durchzusetzen.

Aber es genügt nicht, nach Brünn zu gehen, wir sollten auch Leipzig nicht fernbleiben. Auch gegenüber den Okkupationsmächten, auch gegenüber der DDR gilt die Formel, daß Verminderung der Kontakte, Reduzierung des Handels, nur der Bevölkerung schadet und reformwillige Kräfte entmutigt – ganz abgesehen davon, daß ein Wirtschaftsboykott sowieso nicht funktioniert. Nach dem Bau der Mauer in Berlin hat sich schnell erwiesen, daß wir nicht in der Lage sind, Ulbricht auf diese Weise unter Druck zu setzen. Von Messe zu Messe kamen wieder mehr Aussteller nach Leipzig, weil sie fürchten mußten, sonst viele Geschäfte an Eng’änder, Franzosen oder Schweden zu verlieren.

Natürlich war es selbstverständlich, daß Schiller nicht wenige Tage nach dem Einmarsch in Prag mit dem Ostberliner Außenhandelsminister Sölle zusammentreffen konnte. Aber wir müssen uns darüber klar sein, daß auch im Ost-West-Handel Emotionen durchaus verständlich, aber kein Ersatz für Politik sind. Es ist bitter, aber alle Erfahrungen bestätigen: für die Kommunisten – und nicht nur für sie – ist der Sachzwang, der sich aus der ökonomischen Entwicklung ergibt, ein weit stärkerer Antrieb zu Reformen als alle Rufe nach Freiheit. Diether Stolze