Immanuel Birnbaum: „Entzweite Nachbarn. Deutsche Politik in Osteuropa.“ Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt/M.; 189 Seiten, 15,– DM.

Mehr als einmal hat Immanuel Birnbaum in den letzten vierzig Jahren das Buch schreiben wollen, das er nun unter dem Titel „Entzweite Nachbarn“ über die deutsche Ostpolitik publiziert hat. Es ist das Buch eines reifen, eines alten Mannes, der sich ein Leben lang mit Osteuropa, besonders mit Polen, beschäftigt hat.

Weniger reizvoll, aber nicht weniger nachdenkenswert sind Birnbaums Warnungen: Wir sollten uns nicht – in der Tradition Bismarcks – als gleichwertige Partner der Sowjetunion fühlen, nicht die wirtschaftlichen Bindungen der Comecon-Staaten an die Sowjetunion unterschätzen, nicht glauben, wir könnten hier ökonomisch an die Stelle Rußlands treten: wir sollten uns hüten, die chinesische Karte zu spielen, wir sollten bei niemandem Hoffnungen auf Schlesien oder Pommern erwecken und über die Oder-Neiße-Grenze möglichst nicht reden. Von den Verbündeten sollten wir nicht viel erwarten, und auch der Gedanke einer Auflösung der Blöcke sei nur ein „hübsches Gedankenspiel“.

Birnbaums Skepsis trifft auch die Vergangenheit: Die Roll-back-Politik sei eine hinter offensiven Phrasen getarnte Politik der reinen Defensive gewesen. Das alles mag heilsam sein, zumal wenn es so wenig aufdringlich dargeboten wird wie bei Birnbaum.

Was bleibt, meint der Autor selbst, werde der Leser „gewiß recht bescheiden finden“. Da die Forderungen an uns, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, sich im Grunde aus dem nie sehr klaren Alleinvertretungsanspruch herleite, möchte Birnbaum diesen Anspruch „reduzieren“. Dies könne auch die Beziehungen zu anderen Staaten Osteuropas – wobei Birnbaum den bilateralen Kontakten auf wirtschaftlichem, kulturellem und politischem Gebiet den Vorzug gibt – entlasten. Auch eine Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrages hielt Birnbaum für zweckmäßig. Die Sowjetunion könne vielleicht langsam davon überzeugt werden, daß wir ihr Herrschaftsgebiet nicht antasten wollten und daß „jenes Deutschland, dem sie bisher solche Absichten unterstellt hat, sich auf die Dauer als Partner besser bewähren könnte denn als Popanz“.

Birnbaum plädiert für eine behutsame Entspannungspolitik mit langem Atem und begrenzten Zielen. Die Frage ist nur, ob wir, die Bürger eines unruhigen Landes auf einem unruhigen Kontinent, so viel Zeit haben, ob, wo Emotionen die Ratio verdrängen, die abgewogenen Überlegungen eines alten Mannes noch weiterhelfen. Das ist nicht Birnbaums Fehler, sondern unser aller Dilemma. Eine andere Generation wird sich damit plagen müssen. Wer noch Illusionen hat. lese Birnbaums Buch. Aber: Was bei einem alten Sachkenner skeptisches Fazit ist, könnte bei Jüngeren leicht in phantasielose Selbstzufriedenheit umschlagen. Erhard Eppler