Trotz der Prager Tragödie: Die Zukunft gehört nicht den Kalten Kriegern

Von Theo Sommer

Es wird einige Zeit dauern, bis die Welt erfährt, was wirklich hinter den Moskauer Vereinbarungen steckt: ein notdürftig kaschierter Rückzug der Sowjets und ihrer vier Satelliten aus dem verhängnisvollen Invasionsunternehmen oder die knapp verhüllte Unterwerfung der tschechoslowakischen Reformer unter die Fuchtel der Kreml-Orthodoxie. Aber was immer der Kompromiß birgt, wenn das Wort Kompromiß überhaupt angebracht ist – es bleibt unbestreitbar, daß er nur unter dem Druck der sowjetischen Panzerketten zustande gekommen ist und jedenfalls nicht dem entspricht, wozu sich die Tschechen und Slowaken aus freien Stücken entschlossen hätten.

Die Moskauer Absprachen machen die Vergewaltigung Prags nicht rückgängig, sondern versuchen, sie zu besiegeln. Kein Wunder, daß der erste Kommentar des Prager Rundfunks nach der Verlesung des Kommuniqués fast in Tränen erstickte: „Das Wort bleibt einem im Munde stecken ...“ Und kein Wunder, daß allenthalben in der nichtmoskowitischen Welt Empörung und Abscheu, Mitgefühl mit den Unterdrückten und abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber den Unterdrückern auch weiterhin die öffentliche Meinung bestimmen. Es ist indessen die Frage, wie weit diese Gefühle auch die langfristig angelegte Politik der westlichen Länder diktieren sollen.

Entspannung jetzt unmöglich?

Der Prager Coup von 1948 gab das Signal für den ersten Kalten Krieg – muß der Prager Coup von 1968 den zweiten Kalten Krieg auslösen? Hat der Überfall der Sowjets und ihrer vier Mitmarschierer die Entspannungspolitik der letzten Jahre diskreditiert? Ist es tatsächlich, wie Leute vom Schlag William S. Schlamms unterstellen, „unmöglich, daß die Deutschen nach dem 21. August eine Regierung dulden könnten, die weiterhin von ‚Entspannung‘ redet“? Und hat die tschechoslowakische Krise wirklich die Ansicht widerlegt, daß auch der Kommunismus der Wandlung fähig sei?

Es besteht ein weltenweiter Unterschied zwischen 1948 und 1968. Damals schlug Stalin in Prag aus einer Position der Stärke los; die Satellisierung der Tschechoslowakei mußte als erster Schritt einer weitausgreifenden sowjetischen Expansionspolitik erscheinen. Stalins Nachfolger hingegen handelten jetzt aus einer Position der Schwäche; sie glaubten sich zu ihrem brutalen Eingreifen genötigt, um ihr Imperium zu erhalten, nicht um es auszuweiten. Die Sowjets und ihre Komplicen haben den Tschechoslowaken himmelschreiendes Unrecht angetan, aber sie haben das strategische Gleichgewicht zwischen Ost und West nicht angetastet. Es gehört zu den Antinomien unseres nuklearen Zeitalters, daß wir das eine beklagen und zugleich über das andere Erleichterung empfinden müssen. Die Balance des Schreckens sichert den Frieden zwischen den Blöcken, verbürgt jedoch nicht den Frieden innerhalb der Blöcke. Aus eben diesem Grunde ist Westberlin heutzutage sicherer als Prag.