Von Dieter E. Zimmer

Pavel Kohout, Dramatiker und Regisseur, ZEIT-Lesern unter anderem durch seinen Briefwechsel mit Günter Grass bekannt, der soeben auch als Buch erschienen ist („Briefe über die Grenze“, Christian Wegner Verlag, Hamburg), unter den kommunistischen Intellektuellen der ČSSR einer der führenden Anwälte des Reformkurses, wurde von der Besetzung seines Landes während eines Urlaubs in Italien überrascht. Das folgende Interview gab er uns am letzten Sonntag in der Schweiz.

Ja einigen Meldungen hieß es, gleich am Mittwoch und Donnerstag seien eine Reihe von tschechoslowakischen Intellektuellen verhaftet worden. Haben Sie genauere Nachrichten?

PAVEL KOHOUT: Diese Gerüchte sind nicht bestätigt worden. Ich habe in allen vergangenen Nächten den freien Sender Prag gehört – eine solche Nachricht war nicht dabei.

Haben Sie den sowjetischen Einmarsch für möglich gehalten? Haben Sie damit gerechnet?

KOHOUT: Nein. Nein und wieder nein. Wir haben natürlich in den Tagen von Cierna sehr viel darüber diskutiert. Die Verzögerung der Manöver in der Tschechoslowakei im Juni und die neuen Manöver in den angrenzenden Gebieten der DDR, Polens und Ungarns hielten wir vielmehr für eine psychologische Offensive. Einen solchen ... also verrückten Einfall hatten wir wirklich nicht erwartet, weil er in der Lage, in der wir waren, präzedenzlos ist. Und ich bin sicher, er wird im Resultat das Gegenteil erreichen. Ich muß wiederholen, daß die Position der Kommunistischen Partei während der letzten zehn, fünfzehn Jahre nie so stark war wie eben in den letzten Monaten. Die große, spontane Unterstützung, die die Bevölkerung 1948 bei den Februarereignissen der Kommunistischen Partei erwies, hat sich zum erstenmal wiederholt. Die Leute, auch die mißtrauischen Leute, und vor allem die junge Generation haben nach vielen Jahren das Gefühl gehabt: in der Leitung der Partei sind jetzt ehrliche Leute, die wirklich den Versuch machen, dem Sozialismus, wie Dubček es sagte, das menschliche Gesicht zurückzugeben – oder es zu finden.

Meinen Sie, daß in den Wochen nach den Konferenzen von Cierna und Bratislava vielleicht neue Umstände eingetreten sind, die das Eingreifen der Sowjetunion herausgefordert haben?