Von Marcel Reich-Ranicki

Damals, in der Weimarer Republik, war der Name Klabund in aller Munde. Heute ist er fast vergessen.

Gewiß, einiges von der Prosa und der Lyrik dieses ungewöhnlichen Dichters lebt noch im halb wehmütigen und halb ironischen Gedächtnis der Leser der älteren Generation. Aber sie scheinen, sofern man derartiges beobachten kann, nicht gerade darauf erpicht zu sein, sich erneut mit seinen einst so erfolgreichen "Romanen der Erfüllung" und "Romanen der Leidenschaft" zu befassen oder mit den Chansons und Brettlliedern der "Harfenjule".

Was hier im Spiele ist, dürfte nichts anderes sein als jene Scheu, die uns zögern läßt, einen Blick in die Liebesbriefe zu werfen, die wir vor Jahrzehnten erhalten oder gar selber geschrieben haben. Man fürchtet die Konfrontation mit der eigenen Jugend und das Risiko, auf etwas verzichten zu müssen, was wir gern verspotten, ohne es ganz entbehren zu wollen – die mehr oder weniger sentimentalen Erinnerungen, die unser aller Leben erleichtern.

Im Bereich des Literarischen macht sich diese Scheu besonders da bemerkbar, wo es um Autoren geht, die von der Kritik eher mit Reserve behandelt wurden und trotzdem eine starke emotionale Reaktion des Publikums zu erzwingen vermochten. Das gilt in hohem Maße eben für Klabund: Seine Dichtungen wurden mehr gelesen und gesungen als besprochen und häufiger rezitiert als analysiert. Und die dünnen, meist sehr attraktiv ausgestatteten Bände, in denen sie gesammelt waren, gehörten nicht ohne Grund zu den bevorzugten Geschenken einer ganzen Generation von Verliebten.

Doch jetzt, da man uns eine stattliche Auswahl aus seinem Werk vorlegt –

Klabund: "Der himmlische Vagant" – Eine Auswahl aus dem Werk, herausgegeben und mit einem Vorwort von Marianne Kesting; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 619 S., 28,– DM