Die Anfrage: Und was sagt ihr jetzt, ihr von der Linken? ist berechtigt. Angst um persönliche Freunde, Ungewißheit, Nachrichten über ihre Verzweiflung, Hilferufe und dazu das Bewußtsein unserer Ohnmacht – wir sind verzweifelt. Wir stehen (wenn ich nur mein Gefühl anhöre) wieder einmal am Ende einer Hoffnung.

Welcher Hoffnung?

In Moskau, vor sieben Wochen, hörte man von einer Botschaft, die ein Wissenschaftler an die Machthaber im Kreml adressiert hat; sie wurde nicht veröffentlicht, aber offenbar unter Intellektuellen verbreitet, inzwischen ist die ausführliche Schrift, deren Inhalt man nur gerüchtweise kannte, in Übersetzungen erschienen (New York Times, die ZEIT): Ihr Verfasser, Andrej D. Sacharow, ein sowjetischer Physiker, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1958 Nobelpreisträger, ist Kommunist. Seine Botschaft verurteilt die stalinistische Periode, deren Opfer er auf mindestens zehn Millionen schätzt, und untersucht das Erbe dieser Periode, die Situation heute. Sacharow schildert den sterilen Bürokratismus, der sich für Sozialismus ausgibt und daher als Tabu gilt; er spricht offen von idiotischem Dogmatismus der Funktionäre, der die Probleme der Welt-Zukunft zu lösen nicht imstande ist, also von einer tödlichen Gefahr für die kommunistischen Länder selbst und für die Welt. Seine Kritik, die Sacharow als Eingeweihter zu begründen vermag, hatte den Ernst eines Alarms und führt zu einer nüchternen Mahnung: daß beide Lager, Ost und West, aus ihrem erstarrten Denk-Schema herausfinden zu einer globalen Kooperation (was mehr ist als die bloße Koexistenz, wie sie sich heute versteht: Übereinkunft der atomaren Großmächte, die ihre Machtinteressen aushandeln auf Kosten Dritter) als der einzigen Chance für eine Zukunft der Menschheit. Sacharow verweist auf Prag; seine Hoffnung deckt sich mit der unseren: daß Sozialismus sich endlich entwickle in der Richtung seines großen Versprechens.

Ist dieser Versuch gescheitert?

Die sowjetischen Panzer in der Tschechoslowakei erinnern, so heißt es, an den 17. Juni in Berlin und an Ungarn 1956, nur ist der Vergleich verfehlt: In Prag war kein Aufstand, sondern die Kommunistische Partei selbst hat den Versuch unternommen, Sozialismus zu demokratisieren, und die tschechoslowakische Regierung hat keinen Tag lang die Kontrolle verloren über diesen Versuch. Die sowjetischen Truppen verteidigen nicht, wie vorgegeben wird, den Sozialismus gegen Konterrevolution; sie verteidigen lediglich das heutige sowjetische Establishment, das Furcht hat vor einer Evolution des Sozialismus, die unabwendbar ist auf die Dauer, unabwendbar auch für die Sowjetunion; ihr militärischer Aufmarsch ist eine Manifestation dieser Furcht, die aber nicht die Furcht des russischen Volkes ist, sondern die Furcht der Funktionäre vor dem eigenen Volk. Der tschechoslowakische Versuch ist nicht gescheitert, aber unterdrückt.

Resignation?

Was sofort zu erwarten war, ist sofort eingetreten: die Wiedergeburt unserer Kalten Krieger, die laut von einer Tragödie sprechen und dabei frohlocken. Schluß mit der Entspannung! Die sowjetische Okkupation ist nicht ein Schlag gegen die westlichen Imperialisten, sondern deren Bestätigung, ein Verrat an der westlichen Linken. Für uns, die Entspannung nicht als Unterwerfung verstehen, aber als Voraussetzung für eine Humanisierung auf beiden Seiten, ist eine schwere Niederlage nicht zu leugnen. Was sich der Resignation widersetzt, ist die Vernunft; allein die Tatsache, daß das H-Bomben-Arsenal des einen wie des andern Lagers heute schon ausreicht, um die gesamte Erdbevölkerung mehr als ein dutzendmal zu vernichten, fordert die Fortsetzung des Versuchs, einen beiderseits reaktionären Ost-West-Konflikt abzubauen. Das ist der Versuch, den Prag unternommen hat. Wir haben keine andere Alternative. Das wissen Leute wie Sacharow (er ist nicht der einzige in der Sowjetunion), und sie setzen sich auf ihrer Seite dafür ein: wir versuchen es hier.